RAFIK SCHAMI: Und immer wieder: Damaskus

Wenn er morgen nach St. Gallen kommt, wird er eines nicht tun: vorlesen. Denn Rafik Schami ist ein Erzähler, ein Liebhaber des Mündlichen, in dessen Geschichten sich Alltag und Politik mischen.

Rolf App
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Rafik Schami, geboren 1946 in Damaskus, lebt seit 1970 in Deutschland. Sein Pseudonym bedeutet: «Damaszener Freund». (Bild: Gaetan Bally/KEY)

Rafik Schami, geboren 1946 in Damaskus, lebt seit 1970 in Deutschland. Sein Pseudonym bedeutet: «Damaszener Freund». (Bild: Gaetan Bally/KEY)

Noch selten hat der Schriftsteller Rafik Schami in einer so kurzen Zeit so viel Begeisterung, Lob und Beschimpfungen bekommen wie auf jene zehn Punkte, die er vor wenigen Tagen an die Adresse der Flüchtlinge – und auch gegen die Scharfmacher und Populisten – gerichtet hat. Er rät ihnen darin unter anderem, «selbstkritisch und ohne Angst und Tabu» nachzudenken darüber, was sie zu dieser Misere geführt hat. «Ich gebe ein paar Stichpunkte: die Sippe, das Erdöl, die Diktatur, die Vermischung von Religion und Politik.» Sie müssten zur Kenntnis nehmen, «dass sie im christlichen Abendland aufgenommen worden sind», die arabischen Länder hingegen hätten sie im Stich gelassen. Wollten sie am zivilisatorischen Prozess teilnehmen, dann gebe es nur eines: Sie müssten die Sprache dieses Landes ernsthaft lernen. Und: Sie müssten respektieren, dass hier Frauen und ­Männer gleichberechtigt seien. Schliesslich: Wollten sie wirklich ankommen in Deutschland, dann dürften sie nicht zu gelähmten Zuschauern werden, sondern müssten aktiv am Leben teilnehmen «und mit allen demokratischen Kräften dafür kämpfen, dass die Zustände und Ursachen, die zu ihrer Vertreibung führten, verschwinden».

«Ich kam als Akademiker und nicht als Flüchtling»

Genau dies hat er getan, seit er selber 1970 in Heidelberg eingetroffen ist. Allerdings, erklärt Rafik Schami heute: «Ich kam als Akademiker und nicht als Flüchtling nach Deutschland. Das ist ein ganz anderer Ausgangspunkt. Sicher hatte ich beschlossen, nie wieder zurückzukehren, solange die Diktatur in Syrien herrschte, aber ich habe meine Illusion gehabt, dass das Regime höchstens vier Jahre hält.» Dann hätte der ausgebildete Chemiker seinen Traum verwirklicht: «In Damaskus Chemielehrer und Autor zu sein.»

Doch die Diktatur, vor der er geflohen ist, nachdem die von ihm gegründete Wandzeitung verboten worden war und der Militärdienst drohte, existiert noch immer. Und Rafik Schami träumt von Damaskus, seinem Damaskus, in dem er 25 Jahre gelebt hat, und wo noch immer seine Schwestern wohnen. Unablässig telefoniert er mit ihnen und mit seinen Bekannten, und so kommt es, dass die Bewohner dieser Stadt in seinen Büchern lebendiger denn je sind. Damaskus sei «eine besondere Stadt», sagt Rafik Schami. «Man sagt, wenn man in ihr sieben Jahre wohnt, bewohnt sie ihn.» Mit seinen Geschichten versuche er seine Sehnsucht zu stillen, «aber merkwürdigerweise ist es so, wenn ich fertig mit einem Roman bin wird die Sehnsucht noch grösser». So wird es auch sein, wenn er morgen in St. Gallen auftritt und für das von ihm gegründete Hilfswerk einen poetischen Spaziergang durch Damaskus unternimmt (siehe Kasten). Er wird dies auf die für ihn charakteristische Weise tun: erzählend, nicht vorlesend, und dabei jene arabische Kunst aufleben lassen, die der Welt so viel geschenkt hat.

Zwischen Poesie und Politik, zwischen West und Ost: Das Leben hat Rafik Schami die Rolle eines Brückenbauers zugewiesen, und er erfüllt sie mit Energie und Humor. Mit Energie zieht er durch die Lande, erzählt mit Leidenschaft von dem, was ihn auch in seinen bunt-lebendigen Büchern beschäftigt: von Damaskus, vom Alltag in dieser grossen Stadt, von dem, was die Menschen verbindet, und was sie trennt. Verbinden kann sie die Liebe, trennen die Religion. Oder die Politik.

«Alles wächst, nur die Katastrophe schrumpft»

Rafik Schami erzählt mit jenem Humor, den er ein «göttliches Geschenk» nennt und «eine Tür zur Weisheit» – die nach seiner Beobachtung vor allem uralte Kulturen mit einer Zentralmacht aufstossen. Er zitiert seinen Grossvater: «Alles wächst nach der Geburt, nur die Katastrophe schrumpft.» Was freilich nichts daran ändert, dass die Katastrophe seines Landes ihn unablässig beschäftigt. Seine zehn Punkte drücken es aus: Dass sich nicht nur in seiner Heimat im Nahen Osten die Diktatur so hartnäckig hält, hat seine tiefere Ursache in einer Gesellschaft, in der die Sippe alles bedeutet. Denn die Sippe kennt keine Gleichberechtigung, nur Loyalität. Und so funktioniert auch die Herrschaft der Assads.

Gibt es da überhaupt einen Ausweg? Weil er eine schöne Kindheit gehabt hat, hat Rafik Schami sich die Welt früher genau so vorgestellt. Als Jugendlicher hat er Utopien gelesen. Und heute weiss er: «Der Mensch ist unfähig, all diese Utopien von Würde, Freiheit, Gleichheit der Menschen zu realisieren.» Doch gebe er nicht auf und erzähle weiter. «Wer erzählt, der hofft.»

Seine Heimat aber hat Rafik Schami, der hinreissende Erzähler, denn auch eher in der deutschen Sprache als in der deutschen Gesellschaft gefunden. Eine Fremdheit bleibt, aber es ist eine sympathisierende Fremdheit für ein Land, das zwar zuweilen Mühe hat mit dem Zustrom hilfsbedürftiger Menschen.

Das aber zugleich sehr offen ist. Mehr noch: Das darin einen Gewinn erkennt. «Ich lebe hier seit über 45 Jahren», sagt er. «Ich weiss von vielen, wie begeistert sie über das bunte Treiben in ihrer Gesellschaft sind.» Das Leben in einer Gesellschaft mit kultureller Verschiedenheit verlangt zwar Mühe. «Aber es belohnt uns, macht uns reicher – wenn es gelingt, dies als Chance zu verstehen.» Es ist eine Chance, die von den Minderheiten ausgeht. Rafik Schami, der aramäische Christ, ist auch in einer Minderheit aufgewachsen. Und was er in Deutschland beobachtet, gilt auch für die Schweiz.

Rafik Schamis «Liebeserklärung an eine verletzte Stad

Morgen Dienstag wird der Schriftsteller Rafik Schami um 20 Uhr in der Buchhandlung Rösslitor in St.Gallen in seiner «Liebeserklärung an eine verletzte Stadt» einen poetischen Spaziergang durch Damaskus unternehmen. Wer keinen Einlass mehr erhält, weil die allermeisten Karten schon weg sind, tröste sich mit einem seiner Bücher. Zuletzt erschienen ist im Hanser-Verlag «Sophia oder Der Anfang aller Geschichten».

Die Eintrittsgelder und Spenden des Abends gehen an den Verein Schams e. V. Rafik Schami hat ab Ende 2011 verzweifelt versucht, die europäischen Politiker davon zu überzeugen, vor Ort, das heisst in den umliegenden Ländern, den syrischen Flüchtlingen zu helfen und die Erdölländer unter Druck zu setzen. Mit Freunden hat er darauf Schams gegründet. «Heute helfen wir 1500 Kindern, wir zahlen Lehrerinnen und Lehrer, Therapeuten, kommen für Lebensmittel und Medikamente auf. Wir arbeiten ehrenamtlich, und wir kontrollieren vor Ort.» (R. A.)