Radikale Rotznasen

Muriel Rhyner ist erwachsen geworden. Nun will sie mit den Delilahs und dem neuen Album endlich durchstarten.

Lukas G. Dumelin
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Die Ur-Delilahs Muriel Rhyner (l.) und Isabella Eder sind unterdessen mit Männern in der Band unterwegs. (Bild: Tabea Hüberli)

Die Ur-Delilahs Muriel Rhyner (l.) und Isabella Eder sind unterdessen mit Männern in der Band unterwegs. (Bild: Tabea Hüberli)

Sie ist radikal. Und direkt. Muriel Rhyner, 25 und Frontfrau der Delilahs, nimmt kein Blatt vor den Mund, nie. «Die Gesellschaft hat ein Problem mit starken Frauen», sagt sie. «Wären Frauen früher an die Macht gekommen, sähe die Welt heute anders aus.»

Seit der Gründung geben bei den Delilahs Frauen den Ton an. Eben ist die neue CD der Zuger Band erschienen. «Greetings from Gardentown» heisst das Album, eine Hommage an die Gartenstadt von Zug, ein Quartier mit kleinen Häusern, herzigen Vorgärten, viel Grün. Und es passt zu dieser Idylle, was Muriel Rhyner sagt: «Zum ersten Mal fühle ich den inneren Frieden.» Ein neues Gefühl. Ein tolles Gefühl.

Ganz unten angekommen

Viel ist passiert in den vergangenen Jahren. Nicht immer konnte die Sängerin so leicht darüber reden wie heute. Heute gibt es ein Davor und ein Danach. Das Danach beginnt am Boden. Oder wie Muriel Rhyner sagt: «Die Bandgeschichte zählt ab dann, als wir ganz unten angekommen sind.»

2005 gründete sie mit zwei Kolleginnen eine Band, der bald das Image der wilden Girlie-Gruppe anhaftete. Mitreissender Rock, erfrischend ungestüm. Es folgten 180 Konzerte und Auftritte an Festivals: Gurten, Greenfield, St. Gallen. Bis sich 2007, kurz vor Erscheinen des ersten Albums, alles änderte. Die Delilahs zerstritten sich mit dem Manager, der die Rechte an der Musik an sich riss.

«Wenn du 18 bist, willst du nicht mit einem Anwalt um Songrechte kämpfen», sagt Muriel Rhyner. Heute ist sie überzeugt: Ein Plattenvertrag ist das Schlimmste, was einem in diesem Alter passieren kann. Teenager sind unerfahren, gutgläubig, zerbrechlich. Und wissen nicht, was tun, wenn nach Lob und Hype auch Kritik und Beschimpfungen auf einen einprasseln. Einen Satz haben sie im Gästebuch ihrer Webseite gleich mehrfach gelesen: «Geht zurück hinter den Kochherd.»

Drei Mädchen mit Bass, Gitarre und lauten Röhren: Das hat polarisiert. Und die Mädchen selber waren überfordert mit ihrer Bekanntheit, die wie ein Unwetter über sie hereingebrochen ist.

Rauh, echt, rotzig, frech

Fünf Jahre später sagt Muriel Rhyner mit Trotz und Stolz in der Stimme: «Wir sind Stehaufweibchen.» Doch längst sind die Delilahs keine reine Frauenband mehr. Nach dem Abgang der Schlagzeugerin holten sich Muriel Rhyner und Gitarristin Isabella Eder Männer in die Band. Erst den Drummer Daniel Fischer, später Muriels Bruder Philipp.

«Greetings from Gardentown» ist das erste gemeinsame Album der vier. Ein Album, das sie in Eigenregie produziert haben – und das den Power-Pop-Rock-Sound der Delilahs bietet, den man sich so lange gewünscht hat: Rauh, echt, rotzig, frech. Und doch mit viel Hang zu Melancholie, zu Bitterkeit und Aggression. «Wenn alles nur toll wäre, könnte ich auch Schlager singen», sagt Muriel Rhyner. «Gerade als Musikerin komme ich mir oft als Alien vor. Du bist busy, aber verdienst fast nichts.»

Nicht, dass sie von grossen Gagen träumt. Im Gegenteil. Es ist gut, wie es ist: Ein Teilzeitjob in einer Bar in Zug finanziert den Alltag, aus dem sie mit ihrer Band ausbricht. «Trotzdem dreht sich alles nur ums Geld. Das macht mich hässig.» Den Kindern impfe man früh ein: Such dir einen vernünftigen Job, und dann verlören sie ihr halbes Leben im Büro. «Wieso investieren alle die Energie ins Geschäft? Wieso will fast keiner Teilzeit arbeiten?» Dann hätte man mehr Zeit für Leidenschaften – und für die Gesellschaft.

«Da bekomme ich Pickel»

Die Jugend hallt nach. Muriel Rhyner war Punk, nicht ein brutal politischer, sagt sie selber, doch auch Teil der Szene, die sich gerne auf der Rössliwiese vor den Toren der Altstadt von Zug trifft. Um Trends hat sie sich nie gekümmert. Zu den Teenager-Zeiten vor sechs Jahren mag das pubertär und aufgesetzt gewirkt haben. Spätestens heute ist klar, dass ihr damit ernst ist. «Früher war ich an der Kanti der <Asi>, weil ich die Lederjacke meiner Mutter getragen habe. Heute fragen mich Journalisten, ob ich wisse, dass unser Musikstil in Zürich nicht in sei.» Muriel Rhyner wird laut. «Massentrend! Da bekomme ich Pickel, wenn ich so etwas höre.»

Darum ist der Gang in die Idylle von Gartenstadt und Schrebergärten, die die Delilahs auf dem Album besingen, auch als Flucht zu verstehen. Allerdings eine mit Augenzwinkern: Soll keiner glauben, dass sich eine Muriel Rhyner in der bünzligen Überschaubarkeit lange wohl fühlen würde.

Delilahs: «Greetings from Gardentown» (Subversiv Records); live: Sa, 4.2., Birreria, St. Gallen.

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