Radikale Hymne an den Klavierklang

Mit Lubomyr Melnyk war vorgestern im Palace ein Pianist der besonderen Art zu hören: Melnyks Ästhetik der Continuous Music schafft intensive rauschhafte Klangwelten, bei denen sich der Pianist fast tranceartig von den eigenen Phantasien vorwärtstreiben lässt.

Martin Preisser
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Ähnelt ein wenig dem alten Brahms: Pianist Lubomyr Melnyk. (Bild: Ralph Ribi)

Ähnelt ein wenig dem alten Brahms: Pianist Lubomyr Melnyk. (Bild: Ralph Ribi)

Über eine halbe Stunde dauert Lubomyr Melnyks Komposition «Windmühlen», angeregt durch eine Walt-Disney-Geschichte. 300 Jahre haben sie sich gedreht, geduldig und unermüdlich. Wind ist überall, und Klavierklang ist überall, scheint sich der ukrainische Musiker zu sagen und flicht in rasanter Manier und fast obsessiver Beharrlichkeit seine Klanggewebe; fast wie ein Teppich mit zigtausend von Knoten kommen die Klangmischungen daher, ein Klavier läuft ab Band, das andere live. Es ist der Klang selbst, durch den sich Melnyk fast wie in einer Endlosschleife forttragen lässt.

Körper, Geist und Klang

Das Wort Flow wird heutzutage oft inflationär verwendet. Für Lubomyr Melnyks Klavierkunst trifft es perfekt zu. Körper, Geist und Klang werden zu einer Einheit, die Kompositionen des Ukrainers sind eine nicht selten hymnische Ode an den geheimnisvollen Reiz der Klaviersaiten. Im ersten Moment mag man ihn in die Minimal-Music-Ecke positionieren, aber Melnyks so genannte Continuous Music ist etwas ganz Eigenes.

Auch sie wiederholt gewisse starre Pattern und würzt sie mit kleinsten Veränderungen. Auch sie wirkt durch die speziellen Tonüberlagerungen extrem polyrhythmisch. Melnyk geht aber über die Minimal-Technik hinaus und schafft ganz neuartige Klangwolken, quasi pianistische Clouds, in denen die Harmonien wie die Melodien – geheimnisvoll verwoben – aufgehoben sind.

Endlosmotorik

So schnell und fast irrwitzig aneinander gehängt diese Continuous Music auch gespielt ist, im klassischen Sinne wirkt das gar nicht vordergründig virtuos. Vielmehr arbeitet Melnyk geschickt mit Energiefeldern, die ihm diese Endlosmotorik bei völliger Lockerheit erst erlauben. Der ukrainische Pianist, der im Palace ausschliesslich eigene Werke spielte, sieht seinen Klavierstil als eine ganz natürliche und zwangsläufige Station in der Geschichte des Klavierspiels.

Neu definierter Klang

In «Butterfly», tönte Melnyk auch Fernöstliches an. Und seine «Vokalise» in Balladenmanier zeigte technisch seine genaue Kenntnis der Chopinschen Etüden, deren Ästhetik er aber in Richtung einer totalen Neudefinition des Klangs erweitert. Zur «Vokalise» gab Lubomyr Melnyk auch ein politisches Statement ab gegen die teuflische Überwachungsmaschinerie der Vereinigten Staaten - und hat daher das Stück Edward Snowden und Julian Assange gewidmet.

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