Rache des liebeskranken Dämons

Mal ist er Felix Krull, mal Robert Walser, oft auch Professor Unrat. Volker Ranisch kam aus der DDR über Zürich in die Ostschweiz. Am Wochenende spielt er Heinrich Manns Unrat im Parfin de Siècle als federleicht-dämonische Satire.

Hansruedi Kugler
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Volker Ranisch spielt Heinrich Manns Professor Unrat ohne Knalleffekt – ein Bündel Banknoten und ein Lippenstift genügen als Requisiten. (Bild: Hansruedi Kugler)

Volker Ranisch spielt Heinrich Manns Professor Unrat ohne Knalleffekt – ein Bündel Banknoten und ein Lippenstift genügen als Requisiten. (Bild: Hansruedi Kugler)

ST. GALLEN. «Ich kann halt Liebe nur, und sonst gar nichts.» Unvergesslich Marlene Dietrichs naiv-lasziver Ohrwurm in «Der blaue Engel» (1930). Unvergesslich auch Emil Jannings als unbeholfen-schmuddeliger Professor. Erfolgreich war der Film auch, weil er die satirische Buchvorlage grob verharmlost: Er verkehrt den Stoff geradezu ins Gegenteil. Volker Ranisch stellt den Professor in seiner Soloproduktion glücklicherweise wieder auf ebendiese satirischen Füsse. Der Film trumpfte damals mit tollen Songs und einer expressiven Kamera auf, die Geschichte reduzierte sich jedoch auf das Mitleid mit dem vertrockneten Professor, der sich wegen der Nachtklubtänzerin Rosa zur rührenden, unterwürfigen Lachnummer degradiert und am Schluss auf offener Bühne als dummer August nur noch «Kikeriki» schreien darf.

Heinrich Mann entwirft in «Professor Unrat» hingegen eine dämonische Satire ohne jede Rührseligkeit, das Buch ist deshalb als Lektüre eine Wiederentdeckung: Dort geht der verlachte Professor nicht nur selbst als mitleiderregende Lachnummer auf der Variétébühne zugrunde. Er wird auch zum Dämon, der das lüstern-verklemmte Bürgertum in die Falle lockt und sich so an der verlogenen Gesellschaft rächt.

«Ein verrotteter Staat»

Volker Ranisch sagt denn auch: «Eigentlich finde ich den Professor klasse. Die heuchlerische Stadt bekommt, was sie verdient.» Mit verlogenen Gesellschaften kennt er sich aus: Den 18 Monate dauernden Wehrdienst in der DDR habe er nur überstanden, weil er ständig betrunken gewesen sei, erzählt er und redet sich gleich in Rage: «Klar hatte ich auch wunderbare Menschen getroffen, Idealisten, Widerstandskämpfer gegen die Nazis. Aber das System war in den 1980er-Jahren nur noch menschenverachtend und korrupt. Die DDR war ein verrotteter Staat.» Leisetreten war angesagt: Ohne Wehrdienst hätte er die Schauspielschule vergessen können. Die Eltern, Kolchose-Buchhalterin die Mutter, Mechaniker der Vater, hatten mit dem Theater nichts am Hut. Aber die Fernsehunterhaltung hatte den jungen Ranisch begeistert: «Theater mit Tanz, Musik, Gesang – damals noch völlig apolitisch.» So etwas wollte er auch. Noch als Schüler tingelte er mit einer fahrenden Kindertheatergruppe von Schulhaus zu Schulhaus.

Joseph Goebbels – unterhaltsam

Später, mit der Schauspielausbildung, war in der DDR ein Engagement in einem Provinztheater gesichert. Und ein Zufall führte ihn zum Film: Nach einer Nebenrolle im Nachkriegskrimi «Der Bruch» neben Götz George und Otto Sander folgten einige Rollen in DDR-Filmen. Nach dem Fall der Mauer verdiente Volker Ranisch sein Geld mit Rollen in TV-Serien wie «Der Fahnder» oder «Praxis Bülowbogen». Im Kinofilm «Der Baader Meinhof Komplex» spielte er einen Polizisten, der einen Terroristen erschiesst.

Ein letztlich kurzes Engagement am Zürcher Schauspielhaus brachte ihn dann in die Schweiz. Und mit einem weiteren Stück deutscher Geschichte brachte es Ranisch 2001 in Zürich sogar zu mehreren Schlagzeilen. Der «Blick» empörte sich über diese «Geschmacklosigkeit»: Ranisch hatte in einer Zürcher Freihandbibliothek frühe Texte des Nazi-Propagandaministers Joseph Goebbels gefunden und machte daraus einen «unterhaltsamen Abend» – eine satirische Sprachanalyse über die Verwandlung eines kitschigen Jungschriftstellers in einen Hassprediger. Premierengast Adolf Muschg war begeistert, sprach von hochaktuellem politischen Theater und von «Ziellosigkeit und Perspektivlosigkeit als mögliche Grundlage für den Terror». Stilistisch war der Abend eine leichtfüssige Travestie.

Kluges, literarisches Variété

Das Federleichte und Sprachversessene hat Ranisch seither zum Markenzeichen gemacht. Politisches Kabarett macht er nicht mehr, schlüpft dafür seit Jahren in die Haut von Thomas Manns Felix Krull, begleitet Robert Walser durch Berlin, spielt Rilkes Malte Laurids Brigge oder eben Heinrich Manns Professor Unrat: Ein knallroter Lippenstift und ein Bündel Banknoten genügen dem Sprachvirtuosen, um ein halbes Dutzend Figuren zum Leben zu erwecken. Auf der Bühne kokettiert er mit nacktem Unterschenkel, seine Unterlippe bebt, er schnappt nach Luft und stemmt verklemmt die Fäuste in die Hosentaschen. Ein frivoler, stets ironischer Abend: kluges Variété ohne Knalleffekte – äusserst unterhaltsam.

Fr, 8.5., 20 Uhr, und So, 10.5,, 17.30 Uhr, Parfin de siècle, St. Gallen www.theaterparfindesiecle.ch

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