Querfluss im Treppenhaus

Mit Wandmalereien stellt Ute Klein die Architektur auf den Kopf, zumindest im Geist. Denn mit ihrer Arbeit im Treppenhaus des Palais Bleu überlistet sie die Gesetze der Schwerkraft.

Ursula Badrutt Schoch
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Die Schwerkraft überwunden: Wandmalerei von Ute Klein im Treppenhaus des Palais Bleu. (Bild: Michel Canonica)

Die Schwerkraft überwunden: Wandmalerei von Ute Klein im Treppenhaus des Palais Bleu. (Bild: Michel Canonica)

trogen. Es hat etwas Tierisches, Amöbenhaftes. Vielleicht ist es ein Seelentier, das mit den Armen abstossend sich durchs Haus, den Palais Bleu, bewegt. Ordentlich das Treppenhaus benützend, versteht sich. Seelenwesen genügen Ritzen, um weiterzukommen. So taucht das Le-lieu-Tier durch alle Stockwerke hindurch auf.

Farbe schütten

Das Tierische täuscht. Eher schon würde eine Verbindung zu Blut zutreffen. Oder zu sonst einer roten Flüssigkeit. Es geht um Farbe und ihren Fluss.

Ute Klein, die in Trogen im Palais Bleu im Rahmen des Interventionsprojektes Le Lieu sich mit der Architektur auseinandergesetzt hat, ist Malerin durch und durch. Seit Jahren forscht sie der Farbe nach, ihrem Verhalten, ihrer Bedeutung im Raum, aber auch Wahrnehmungs- und Orientierungsverschiebungen durch den Wechsel von Bezugssystemen, etwa durch die Kombination von Malerei und Fotografie.

Im Untergeschoss hängen einige ordentlich gerahmte Blätter, die etwas von der Entstehungsgeschichte der Wandmalerei im Treppenhaus preisgeben. Seit einiger Zeit giesst Ute Klein Farbe auf Papier, kippt und dreht den Bildträger und lässt die Farbe fliessen. Statt mit dem Pinsel die Form zu bestimmen, lässt sie die Schwerkraft und die Beschaffenheit der Farbe schaffen.

Vervielfachte Schwerkräfte

Die Farbe – Ute Klein bevorzugt Ölfarbe – organisiert sich selbst. Manchmal arbeitet die Künstlerin mit Überlagerungen, manchmal genügt ein «Guss». Die so entstandenen Farblandschaften, von Ute Klein «Flüsse» genannt, irritieren durch ihre Spannkraft. Denn obwohl die Entstehung durch das Fliessenlassen der Farbe und teils durch Überlagerungen verschiedener Farbtöne erkennbar ist, ist die Flussrichtung uneinheitlich und nicht der Schwerkraft als einzige Richtungsgeberin folgend.

Es entsteht ein sensibles Binnenbezugssystem zwischen der aktiven und passiven, der gelenkten und zufälligen Bildentstehung.

Ausgewählte «Flüsse» hat nun die 1965 geborene und in Amriswil lebende Künstlerin für den Palais Bleu in raumbezogene Wandmalerei umgesetzt. Damit sind die Gesetze der Schwerkraft definitiv überwunden – es sei denn, die Künstlerin hätte das Haus hochkant gestellt.

Stattdessen werden die Flüsse zu Armen, zu Gliedern und Fühlern eines neuen Hausgeistes, der bekannte ebenso wie verborgene Winkel des Hauses abtastet, untertaucht, erneut ein Stück Wegstrecke mit seiner Gegenwart sichtbar macht.

Lesung mit Breitbild-Perl

Für die Finissage vom Samstag hat die Le-lieu-Gastkuratorin Nicole Seeberger Andri Perl eingeladen. Der vorerst aus der Churer Rapband Breitbild bekannte Perl hat sich jüngst als Buchautor hervorgetan.

Mit «Die fünfte, letzte und wichtigste Reiseregel» (Salis- Verlag Zürich) nimmt er die Leserschaft mit auf den Weg von Chur übers Engadin durch Italien; von Ort zu Ort, den Spuren seines verschollenen Grossonkels beziehungsweise dessen Gedichten fol- gend, die er einst an die Grossmutter des Ich-Erzählers geschickt hat. So gelangt der Protagonist an ebenso bekannte wie verborgene Winkel klassischer italienischer Reiseziele.

Verschiedene Erzählebenen überlagern sich, Wege wechseln die Richtung, Überraschendes ergibt sich aus der Kombination von Zufall und Regelvorgabe. Da sind einige inhaltliche wie formale Parallelen zur Malerei von Ute Klein auszumachen – eine schöne Kombination.

Finissage Sa, 17.4., Palais Bleu, Trogen, 16 Uhr, mit Lesung von Andri Perl, www.lelieu.palaisbleu.ch