Quantensprünge für Bücher und CDs

Am heutigen Welttag des Buches startet eine Imagekampagne für die Bibliotheken der Schweiz. Die sind heller und freundlicher geworden, ein Ort fürs Schmökern und Verweilen. Das zeigt auch ein Besuch in den sechs Bibliotheken der Ostschweiz, die einen neuen Raum bezogen haben.

Michael Guggenheimer
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Weil die Konkurrenz gross ist, müssen sich die Bibliotheken etwas einfallen lassen: Lesepatin und Lesekind in der Bibliothek Uznach. (Bilder: Michael Guggenheimer)

Weil die Konkurrenz gross ist, müssen sich die Bibliotheken etwas einfallen lassen: Lesepatin und Lesekind in der Bibliothek Uznach. (Bilder: Michael Guggenheimer)

Wo früher Matratzen hergestellt wurden, liegen Kinder auf dem Boden und lesen. Denn die Stadtbibliothek und Ludothek Gossau ist in eine grosse Fabrikhalle in Gossau gezogen. Bibliotheksbeauftragte aus der ganzen Schweiz schauen sich hier um, weil sich der Quantensprung von Gossau herumgesprochen hat. Sechs Jahre dauerte die Suche nach geeigneten Räumen, um vor zwei Jahren aus einer Enge von 150 auf eine Nutzfläche von 840 Quadratmetern zu wechseln.

Bücher statt Matratzenlager in Gossau

«Ohne den Drive und das Engagement des damaligen Bibliothekspräsidenten Alfred Noser und des Stadtrats Urs Blaser wären wir nicht so weit gekommen», sagt Leiterin Elisabeth Keller. Hell und grosszügig ist der weite Bibliotheksraum, der von einem Oberlicht in Form eines Toblerone-Riegels auf seiner ganzen Länge ausleuchtet wird. Beim Umbau wurden Elemente des früheren Industriebaus – wie die tragenden Eisensäulen – beibehalten. Büchergestelle können für Veranstaltungen beiseitegerollt werden. Die Qualität der Bibliothek wird vom Angebot, der Architektur und den Empfehlungen der Bibliothekarinnen bestimmt. Weil herkömmliche Autorenlesungen in der Nachbarschaft zu St. Gallen nicht genügend Publikum anziehen, haben die Bibliothek und das benachbarte Restaurant Werk 1 das Format «Buch und Bauch» entwickelt: Eine Leseperformance mit einem Drei-Gang-Dinner: Eintritt 75 Franken. Der Erfolg scheint ihnen Recht zugeben, an den ersten drei Abenden nahmen zwischen 80 und 150 Personen teil.

Lesepaten und Lesekinder in Uznach

Sechs Ostschweizer Bibliotheken sind in den letzten zwei Jahren in neue Räume gezogen. Vier grosse im Kanton St. Gallen, zwei viel kleinere im Thurgau. Im Februar wurde in Eschlikon die Bibliothek eingeweiht. 32 Jahre lang war sie im altehrwürdigen Böcklihaus untergebracht, jetzt gibt es auf 240 Quadratmetern doppelt so viel Platz für die Gemeinde- und Schulmediathek im «Glaspalast», dem früheren Sitz einer Fensterfirma. Und nach mehreren Wechseln wurde im Januar die Bibliothek Sulgen im «Begegnungshaus» eröffnet und die Primarschul- mit der Gemeindebibliothek zusammengelegt.

Die Konkurrenz ist gross. Darum hat sich das Team der Bibliothek Uznach etwas Besonderes einfallen lassen: Jeden Mittwochnachmittag treffen sich «Lesepaten» und «Lesekinder». Eine halbe Stunde lang wird vorgelesen und miteinander gesprochen. Zu zweit sitzen Lesepatin und Lesekind am Tisch, ein leises Gemurmel ist in den beiden Stockwerken zu hören. Die alte Bibliothek war in sieben kleinen Räumen in zwei Gebäudeteilen untergebracht. «Wir hatten sehr charmante Räume, aber es gab einfach keinen Platz mehr», sagt Leiterin Beatrice Lingg. Im Jahr 2012 wurde in einer Gemeindeabstimmung die Renovation des Werkhofgebäudes und die Umnutzung der Militärunterkunft angenommen.

Zwei helle Stockwerke weist die Bibliothek mit ihren grossen Fenstern und einem Oberlicht auf. Die alten Gestelle wurden renoviert und angepasst, gemütliches Mobiliar angeschafft. Lesenischen erlauben ungestörtes Arbeiten. Die Büchergestelle werden zur Seite gerollt, dann können bis zu 80 Gäste Gesprächen über Bücher lauschen oder zuhören, wenn Leser oder Leserinnen ihre Lieblingsbücher präsentieren.

«Die ganze Stadtbibliothek als Geschenk» verkündet ein Plakat am Eingang der vor einem Jahr eröffneten Stadtbibliothek Rapperswil-Jona, die in der «Alten Fabrik» eingerichtet wurde. Im Erdgeschoss bietet ein Café Mittagsmenus an. Im ersten Stockwerk an der Auskunftstheke ein Bildschirm mit aktuellen Leseempfehlungen und einer Liste der Neuanschaffungen. Auf der Seite eines geräumigen Lichthofs der Bereich «Lesen und verweilen» mit Büchern für Erwachsene und Jugendliche. Entlang des langen, lichtdurchfluteten Raums stehen die Gestelle, auf Zeitschriftentürmen präsentieren sich die neusten Ausgaben von rund 40 Periodika, auf zwei Sofas und an Lesetischen sitzen Erwachsene. Die Büchergestelle sind alle nur so hoch, dass man den ganzen, leicht angewinkelten, weiten Raum mit seinen grauen Stahlträgern überblicken kann.

Lichthof in Rapperswil-Jona

Auf der anderen Seite des Lichthofs der Bereich «Spielen und Erzählen» mit der Kinderliteratur in zwei Räumen und rund um den Lichthof «Hören und Sehen» mit vielen CDs und DVDs. Bei der Literatur für Erwachsene herrscht Ruhe, während im separaten Bereich Kinder laut spielen. Die Büchergestelle sind so niedrig, dass Kinderarme alles erreichen können. Die neue Bibliothek entstand nach der Fusion von Rapperswil und Jona. Bibliotheksleiterin Simone Hotz-Zwissler konnte mitwirken, als die Bestände von zwei Bibliotheken zusammengefügt wurden.

Leuchtturm unter den neuen Bibliotheken im Kanton St. Gallen ist die Stadtbibliothek in der Hauptpost. Die Lage beim Bahnhof und der Zuspruch bei den Besuchern sind exzellent. Umsichtig wurden Betriebsräume in zwei grosszügig dimensionierte Hallen umgestaltet. Noch wirken die Räume wegen der fehlenden Bilder etwas nüchtern und strahlen die Atmosphäre eines Magazins aus. Zwei Arbeitsräume sind noch ungastlich, dem schönen Turmzimmer mit der Regionalliteratur merkt man Gestaltungswillen an, aber leider haben im Arbeitsraum die Lesenden zu wenig Platz für ihre Unterlagen.

Der Leuchtturm in St. Gallen

Die Belletristik in der Südhalle stammt von der Freihand-, die Sachliteratur in der Nordhalle von der Kantonsbibliothek, die bis jetzt eine reine Magazinbibliothek war. So modern das Mobiliar mit seinen vielen breiten Tischen ist, so sehr vermisst man an der Fensterfront die Ruhe einer Arbeitsbibliothek. Und weil bloss ein Bruchteil der Bestände der Kantonsbibliothek zu finden ist, sorgt ein Kurierdienst für die Lieferung der Bücher, was sich bei der Ausführung von Studienarbeiten und Recherchen umständlich auswirken kann. Neu das Prinzip des «walking librarian», des Bibliothekars, der in der Halle zwischen den Gestellen unterwegs ist und beraten kann. Ein Café ist sehr gut mit Tageszeitungen bestückt, auch ausländischen, aber weil eine Trennwand fehlt, bringt es auch eine gewisse Unruhe in den Lesebetrieb.

Lange Fluchten, helle Gänge: Stadtbibliothek Rapperswil-Jona.

Lange Fluchten, helle Gänge: Stadtbibliothek Rapperswil-Jona.

Reiche Auswahl unter dem Toblerone-Licht: Stadtbibliothek Gossau.

Reiche Auswahl unter dem Toblerone-Licht: Stadtbibliothek Gossau.

Bücherrad und viele Arbeitsplätze: Stadtbibliothek St. Gallen.

Bücherrad und viele Arbeitsplätze: Stadtbibliothek St. Gallen.