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PUSSY RIOT-AKTIVISTIN IN ZÜRICH: Maria Alyokhina: «Auf keinen Fall ruhig bleiben»

Heute wird in Russland gewählt. Die russische Politaktivistin Maria Alyokhina (Pussy Riot) und ihre Theatercrew machen derweil unermüdlich gegen Präsident Putin im Ausland Stimmung. Ein Treffen in Zürich.
Julia Stephan
Pussy-Riot-Mitglied Maria Alyokhina im Theaterhaus Gessnerallee Zürich. (Bild: Urs Bucher (Zürich, 15. März 2018))

Pussy-Riot-Mitglied Maria Alyokhina im Theaterhaus Gessnerallee Zürich. (Bild: Urs Bucher (Zürich, 15. März 2018))

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: <strong style="margin: 0px; padding: 0px; font-size: 18px; vertical-align: baseline; border: none; outline: 0px; background: transparent; color: rgb(0, 120, 190);"><em style="margin: 0px; padding: 0px; font-size: 18px; vertical-align: baseline; border: none; outline: 0px; background: transparent;">www.tagblatt.ch/epaper</em></strong>

Maria Alyokhina, Putins sieben Herausforderer werden chancenlos sein. Was bleibt dem russischen Bürger übrig, wenn er mit dieser undemokratischen Wahl nicht einverstanden ist?
Alyokhina:
Boykott ist eine Möglichkeit unter vielen. Was die Menschen auf keinen Fall tun sollten, ist ruhig zu bleiben. Sie sollen raus auf die Strasse gehen, protestieren, politisches Theater machen, Bücher schreiben oder Musik machen, wie wir es tun.

Wer wird sich diesen Sonntag auf die Strasse wagen?
Alyokhina:
In diesen Tagen sieht man auf Russlands Strassen vermehrt junge Menschen, darunter viele Teenager, die gegen die politische Situation aufbegehren. Dass sie weder vor Schuldirek­toren noch vor der Polizei Angst haben, stimmt mich optimistisch.

Vasily Bogatov, Sie haben viele Pussy-Riot-Aktionen gefilmt und sind auch für die Videos der in Zürich gezeigten Show «Riot Days» verantwortlich. Wie sieht Protest für Sie aus?
Bogatov:
Protest sollte aktiv sein. Boykott meint nicht, auf der Couch zu liegen. Wer sich als Wahlbeobachter vor eine Urne aufstellt und genau hinschaut, hat bereits viel getan.

Maria Alyokhina, Sie wurden 2012 nach der Aufführung eines Punk-Gebets in der orthodoxen Christ-Erlöser-Kirche in Moskau wegen «Rowdytums aus religiösem Hass» für fast zwei Jahre in ein Arbeitslager gesteckt. Welche Form der Zensur und Schikane erlebt man als Künstlerin in Russland?
Alyokhina:
Der russische Geheimdienst (FSB) greift bei seinem Versuch, die Menschen zum Schweigen zu bringen, auf eine fast hundertjährige Tradition zurück. Im stalinistischen Russland der 1930er-Jahre wurde das kulturelle Leben völlig kontrolliert. Alle meine Lieblingskünstler aus jener Zeit hat man erschossen. Viele sind in der Haft gestorben oder ins Ausland emigriert.

Was ist die Hauptwaffe des FSB?
Alyokhina:
Die Angst der Bürger! Um einen Menschen einzuschüchtern, muss er nicht unbedingt zwei Jahre in ein Arbeits­lager gesteckt werden wie ich.

Yury Muravitsky, Sie sind Regisseur des Stücks und in Russland einer der renommiertesten Theaterdirektoren. Wie können Theaterhäuser überleben, die sich die Stimme nicht verbieten lassen?
Muravitsky:
Sobald eines dieser unabhängigen Theaterhäuser es wagt, ein kritisches Stück aufzuführen, steht die Polizei vor der Tür und setzt die Hausbesitzer unter Druck. Das Theater muss dann geschlossen werden, weil die Besitzer nicht in Schwierigkeiten geraten wollen. Staatlichen Theatern sind von vorn­herein die Hände gebunden. Die beschränken sich auf ein harmloses Repertoire. Wagen sie dennoch mal etwas Systemkritisches, wird ihnen der Geldhahn abgedreht.

Wie kann man als unabhängiges Theaterhaus unter diesen Bedingungen überleben?
Alyokhina:
Ich halte es für wichtig, dass eine Öffentlichkeit diese Menschen in ihrem Mut unterstützt, diese Projekte weiterzuverfolgen. Es geht mir hier keinesfalls nur um Pussy Riot, sondern um die vielen Menschen, die sich unbeachtet in den weit von den Städten abgelegenen Regionen engagieren.

In der Schweiz hat man manchmal den Eindruck, dass junge Menschen gar keine Motivation haben, für ein Anliegen ihre Stimme zu erheben. Auf Politaktivisten, die für ihre Anliegen bis ins Arbeitslager gegangen sind, muss das seltsam wirken.
Alyokhina:
Ob man sich engagiert, hat damit zu tun, ob man die Geschichte seines Landes kennt. Dass Frauen hier erst seit 1971 wählen dürfen, ist doch sehr seltsam. Es liegt im Ermessen des Einzelnen, in so einer Tatsache ein Problem zu sehen. Für mich bedeutet das, dass die Schweizer gar nicht die Notwendigkeit einer Veränderung gesehen haben. Diese Notwendigkeit zu fühlen, ist meiner Meinung nach aber der erste Schritt zur Veränderung.

Wo soll man ansetzen als junger Mensch?
Alyokhina:
Ende 2015 hielt ich mich in dem inzwischen aufgelösten Flüchtlingscamp bei Calais auf, mit 5000 Bewohnern in Europa damals das grösste seiner Art. Dort habe ich mit einer Theatergruppe das politische Theater für mich entdeckt. Zeitgleich ­waren da auch viele junge europäische Studenten vor Ort, welche die Menschen unterstützten. Für mich sind solche Erfahrungen wertvoller als jedes Universitätswissen. Wie soll man Politik verstehen ohne praktische Erfahrung?

In Europa tut man sich schwer zu verstehen, warum die Russen auf diese auto­ritären, korrupten Staats­oberhäupter setzen. Eine Erklärung?
Muravitsky:
Die Überzeugung des Russen, er brauche eine starke Hand, die ihn führt, stammt noch aus Sowjetzeiten.
Alyokhina: Es ist diese Mischung aus mangelnder Bildung und dieser Sehnsucht nach Sicherheit. Ein vermeintliches Sicherheitsdenken, das längerfristig deine Persönlichkeit korrumpiert.

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