Punkschuppen, Konzertlokal, Skatehalle, Zufluchtsort: Der Horst-Klub in Kreuzlingen wird fünf Jahre alt

Der Horst-Klub in Kreuzlingen ist zum Hotspot für Garage-Rock geworden. Seinen fünften Geburtstag feiert das Lokal mit einer Platte voller unveröffentlichter Songs.

Roger Berhalter
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180 Bands pro Jahr: Im Horst in Kreuzlingen gibt’s verzerrte Gitarren zuhauf, hier mit Kamikazebra aus Konstanz.

180 Bands pro Jahr: Im Horst in Kreuzlingen gibt’s verzerrte Gitarren zuhauf, hier mit Kamikazebra aus Konstanz.

Bild: Donato Caspari

«Zahlst du in Franken oder Euro?» Schon bei der ersten Bierbestellung im «Horst» wird klar, dass hier nicht nur Kreuzlinger trinken. Die Bar in der alten Steinhauerei lockt auch viele Konstanzer an. Und um die Garage-Rock-Bands hier live zu sehen, kommen die Gäste noch von viel weiter her.

Ebenso die Musiker: «Es gibt Bands, die reisen extra aus Frankreich an, um bei uns zu spielen», sagt Stefan Böker. Vor fünf Jahren gründete er mit Gleichgesinnten den Verein B.A.D.K.I.D.S. – eine Abkürzung für Bands, Abenteuer, Drinks und Kultur in der alten Steinhauerei – und mietete sich im Industriebau vis-à-vis des Rathauses ein.

Stefan Böker, Mitgründer Horst-Klub

Stefan Böker, Mitgründer Horst-Klub

Bild: rbe

Heute ist der «Horst» ein Hotspot für Garage-Rock und als solcher weit herum bekannt. Manchmal legt ein DJ Hip-Hop auf, ab und zu klingt’s elektronisch, aber meist gibt’s verzerrte Gitarren zuhauf. Allein 2018 drehten im «Horst» 180 Bands ihre Verstärker auf.

Skaten im Pool, Trinken unter der Discokugel

Der «Horst» ist vieles. Punkschuppen, Konzertlokal, Skatehalle, Stube der alternativen Kreuzlinger Kulturszene, Zufluchtsort für anders und wilder Denkende. Am Eingang warnt ein Raucher mit angegrauten Haaren den Besucher vor:

«Zum ersten Mal hier? Der ‹Horst› ist super. Aber gell: Das ist nicht nur underground, das ist underground underground.»

Tatsächlich spielt sich hier ein Kulturleben weit unter dem Mainstream-Radar ab. Es gibt einen Garten mit Skate-Pool, wo sich mittwochs die Skater zum Workshop treffen. Es gibt einen dunklen Konzertraum mit selbstgezimmerter Bühne. Und es gibt eine Bar mit abgewetzten Sesseln, Halbliterbier für 3.50 Franken und der wohl grössten Discokugel der Ostschweiz. Der «Horst» sieht so aus, wie die Musik hier tönt: Roh, zerkratzt, handgemacht und bunt.

«Bei uns ist der Vibe anders, alternativer», sagt Stefan Böker. «Der ‹Horst› ist ein offener Ort, hier kann jeder sich selber sein», sagt Lukas Stadler. Er gehört mit 23 Jahren zu den Jüngeren im Team und hat mit Böker die Compilation zum fünfjährigen Bestehen des Clubs zusammengestellt.

«Den ‹Horst› brauchts, damit die jungen Leute überhaupt noch was haben hier. Jeder kann sich beteiligen», sagt ein Besucher in Punk-Kluft. Später wird er den Gästen am Bartresen Apfelstrudel anbieten.

Jeder Abend wird im «Horst »gefeiert, als wäre er der letzte.

Jeder Abend wird im «Horst »gefeiert, als wäre er der letzte.

Bild: Donato Caspari

Der ‹Horst› hatte keinen leichten Start. Doch nach anfänglicher Skepsis und mancher Lärmklage habe sich die Lage beruhigt, sagt Böker und betont: «Wir haben uns auch viel Mühe gegeben.» Die ‹Horst›-Leute luden zum runden Tisch, verstärkten den Schallschutz und verlegten den Eingang in den Hinterhof.

Eine Compilation voller Garagenrock zum Fünfjährigen

«I’m going to the Horst Klub!», singt die Band Stratocastors im Song «Horst Klub II». Es ist eines von 14 Liedern auf der neuen Compilation, die sich das Kreuzlinger Kulturlokal zum fünfjährigen Bestehen schenkt. Als «Hymne auf uns selber, auf alle Bands und Menschen, die diesen Ort so einzigartig machen», wie es auf der Plattenhülle heisst.

Stefan Böker und Lukas Stadler vom Horst-Team haben Bands wie Bee Bee Sea oder The Hussy angefragt und unveröffentlichte Songs zusammengestellt. Manche wurden eigens für die Compilation geschrieben. Zu hören ist Garage-Rock, Punk-Rock und Abgedrehteres, und allen Musikern ist gemeinsam, dass sie schon mindestens zweimal in Kreuzlingen live gespielt haben. 300 Mal wurde die Compilation auf Vinyl gepresst, digital ist sie auf Bandcamp hör- und downloadbar.

Inzwischen schätzt auch der Kreuzlinger Stadtrat das alternative Kulturlokal. 2018 steuerte die Gemeinde 3000 Franken bei, dieses Jahr waren es 5000 Franken plus 300 Franken für die Jubiläumsplatte. Abgesehen davon stemmen die ‹Horst›-Leute den Betrieb selber. Mit viel Gratisarbeit und Do-it-yourself-Attitüde. Böker:

«Wir spielen alle selber in Bands oder skaten. Hier zu arbeiten, ist kein Job. Es ist halt das, was wir machen.»

Finanziell stand das Lokal mehr als einmal am Abgrund, doch irgendwie ging es immer weiter. Ein Ende des Betriebs ist allerdings absehbar, denn für das Areal gibt es Überbauungspläne. Vielleicht wird auch deshalb im «Horst» jeder Abend gefeiert, als wäre es der letzte.

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