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Internetkritik im Theater wird Psychothriller

Simon Kellers neustes Stück «Social Reality» feiert Premiere im «Restaurant Sonne». Das düster-böse Kammerspiel geht mit seinem ambitionierten Konzept auf kleine Tournee durch die Ostschweiz.
Sascha Erni
David (Simon Keller) und Sandra (Petra Effinger) leben in einer gefährlichen Beziehung. (Bild: Thomas Hary)

David (Simon Keller) und Sandra (Petra Effinger) leben in einer gefährlichen Beziehung. (Bild: Thomas Hary)

«Das ist Deine letzte Chance auf einen Neuanfang», warnt David. Sandra sitzt im Spitalhemd auf einer Bahre, mit Tropf im Arm. Und verlangt nach ihrem Computer. Beziehungsweise nach ihren Freunden, denn Sandras Leben spielt sich grösstenteils im Internet ab. David resigniert. Lichterlöschen, Musik. Diese Schlüsselszene in Simon Kellers «Social Reality» wird Leserinnen und Leser, die das Stück nicht gesehen haben, wohl auf eine falsche Fährte locken. Aber letzten Samstagabend mussten sich auch die gut 60 Zuschauer im Premierenpublikum von Szene zu Szene fragen: Was geschieht hier wirklich? Ohne zu viel verraten zu wollen – wer aufgrund von Titel und Werbeplakat eine satirische Abrechnung mit den sozialen Medien ­erwartet, der wird von «Social Reality» enttäuscht werden. Simon Keller hat vielmehr einen psychologischen Thriller geschaffen, der sich mit seinen Abgründen und Wendungen durchaus gut als Episode einer Serie wie «Black Mirror» machen würde.

Petra Effinger begeistert als Sandra, sie spielt einen Star in den sozialen Medien. «Vielleicht doch eher ein Social-Media-Wölkchen», scherzt der altmodische Geografiestudent David (Simon Keller), als er sie im Zug kennenlernt. Die beiden werden ein Paar, ziehen zusammen. Aber sie scheinen unzufrieden. Sie greifen beim ersten Weckerklingeln zum Handy und schreiben Nachrichten, bevor sie sich überhaupt erst einen guten Morgen wünschen. Es kriselt, sieht man als Zuschauer. Und ahnt spätestens im dritten Akt der gut 70-minütigen Produktion, dass hier viel mehr schiefläuft als ein bisschen Cyber-Fremdgehen während der ersten Beziehungskrise eines jungen Paars.

Live-Musik als Bindemittel

Ein ambitioniertes Projekt haben das Team um Simon Keller (Drehbuch) und Peter Holliger (Regie) auf die Beine gestellt. Die verwobene Handlung verläuft asynchron, auf Szenen in der Gegenwart folgen Rückblenden. Gleichzeitig spielen Textnachrichten eine wichtige Rolle, ­werden auf zwei Bildschirmen gezeigt. Als Zuschauer ist es anstrengend, gleichzeitig drei Dialogen zu folgen. Zusätzlich die ganzen Andeutungen, Vorahnungen und Überraschungen zu verarbeiten, macht «Social Reality» zu einem eher schwierigen Stück.

Dass das Publikum nicht komplett den Faden verliert, ist dem Musiker Gilles Marti zu verdanken. Er kündigt nicht nur den Zeitraum jedes Aktes an, sondern gibt dem Stück mit seiner Live-Musik Form und Struktur. Marti gestaltet den Soundtrack mit experimentellen Klängen aus Synthesiser, Gitarre, Percussion und Stimme. Die Musik schlägt während der Umbaupausen den Bogen zwischen den einzelnen Akten. Der Musiker fasst so das bereits Gezeigte akustisch zusammen, deutet aber auch die tatsächlichen Hintergründe an. Für diese grandiose Leistung ­erhielt Marti dann auch viel Applaus vom Publikum.

Düstere Kost ist nicht jedermanns Sache

Die Story von «Social Reality» baut sich aus Versatzstücken zusammen, unsicher wie Erinnerungsfetzen. Als Zuschauer hat man nie den vollständigen Durchblick, fühlt sich stellenweise wie in einer Detektivgeschichte. Mit wem schreibt David SMS? Wer ist dieser Carlos, dessen Profilbild Sandra auf Facebook anklickte? Die Schlussfolgerungen des Publikums werden mit jedem Akt in Frage gestellt. Damit wagt das Stück das Experiment, die verworrene Realitätswahrnehmung der Protagonisten aufs ­Publikum auszudehnen.

Ist das Experiment gelungen? Neben Begeisterung sah man im Anschluss an die Premiere im «Restaurant Sonne» auch durchaus verstörte Gesichter. Die gezeigten Abgründe, der angedeutete Horror waren nicht jedermanns Sache. Auch dass die beiden Schauspieler die durch und durch unsympathischen Figuren so überzeugend bringen, macht «Social Reality» zu keiner leichten Kost. Aber zu einer Kost, die ihr Publikum finden wird.

Hinweis

Vorstellungen: 27. 10. Herisau, 28. 10. St. Gallen, 24. 11. Frauenfeld; www.social-reality.ch

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