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PROVOKATION: Mit Hakenkreuz gratis ins Theater Konstanz

George Taboris Hitler-Farce «Mein Kampf» hat in Konstanz am 20. April, Hitlers Geburtstag, Premiere. Dass die Zuschauer dabei Davidsterne und Hakenkreuze anstecken sollen, führt zu Protesten.
Hansruedi Kugler

Als charakterloses, talentfreies Muttersöhnchen, das an Verstopfung leidet – so stellte der 2007 verstorbene Autor und Regisseur George Tabori den jungen Adolf Hitler in der bitterbösen Farce «Mein Kampf» auf die Bühne. 1987 hat Tabori diese Abrechnung geschrieben, die seither unzählige Male auf Bühnen gezeigt worden ist. «Mein Kampf» hat den ungarischen Autor, dessen Vater 1944 in Auschwitz ermordet worden war, weltberühmt gemacht. Sein schwarzer bis absurder Humor war ihm Waffe gegen das Grauen des Rassismus und die Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Ob die Konstanzer Inszenierung nun als ein Akt radikal schwarzen Humors und als scharfe Politprovokation zu verstehen ist oder ob das Theater lediglich pietätloses Marketing betreibt, darüber streiten sich die Kon-stanzer seit Tagen mit steigender Heftigkeit. Der Grund des Streits liegt nicht in der Stückwahl, sondern in der Terminierung der Premiere, vor allem aber an der beabsichtigen Publikumsmitwirkung. Der Premierentag, 20. April, ist Hitlers Geburtstag. Man wolle diesen Tag nicht den vielen Neonazis überlassen, die Jahr für Jahr diesen Tag feiern, gab das Theater bekannt. Für weit grössere Empörung sorgte die Ankündigung, wer eine Karte kaufe, verpflichte sich, an der Saalpforte einen Davidstern anzustecken – als «Zeichen der Solidarität mit den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft». Wer sich hingegen dort ein Hakenkreuz anstecke, bekäme eine Freikarte. «Mit Verlassen des Zuschauerraums sind die Symbole abzugeben», schrieb das Theater. Denn das Tragen dieses Nazi-Symbols ist in Deutschland im öffentlichen Raum eine Straftat.

«Es braucht eine radikale Antwort der Kunst»

Aufgeschreckt von dieser Aktion bemühten sich der emeritierte Konstanzer Geschichtsprofessor Erhard Roy Wiehn und die Präsidentin der liberal geprägten jüdischen Gemeinde Konstanz, Minia Joneck, darum, dass das Theater auf die Verteilung der Nazi-Symbole verzichtet. Gestern nun reagierte das Theater und schwächte die «Eintrittskultur» ab. Die Aktion mit den Hakenkreuzen wird beibehalten. Ab sofort werde es jedoch jedem zahlenden Zuschauer freigestellt, den Davidstern zu tragen. Zudem können die Zuschauer, die das Premierendatum als Provokation empfinden, die Karten für den 20. April gebührenfrei umtauschen. Die Diskussion im Vorfeld der Produktion «Mein Kampf» erachte das Theater allerdings als wertvoll und sei froh «über die bundesweite Beteiligung an dieser aus unserer Sicht längst überfälligen Debatte». Einmütig scheint der Entscheid für die Terminierung der Premiere auf Hitlers Geburtstag nicht gefallen zu sein. Regisseur Serdar Somuncu, als Kabarettist bekannt und seit Jahren mit Hitlers «Mein Kampf» auf provokativer Lesetour, findet diese Terminierung «albern» und ein «Marketinggag», sagte er dem «Südkurier». Allerdings brauche es angesichts der Radikalität, mit der rechte Parteien Stimmung gegen Minderheiten machten, «eine ebenso radikale Antwort der Kunst».

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler@tagblatt.ch

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