PROVISORIUM: Cupcakes, Kunst und Kräuter

Caro Niederer hat im Untergeschoss des Kunstmuseums St. Gallen ein Café eingerichtet, wo die Grenzen zwischen Kunst und Design verwischen. Alles in allem ein äusserst gesittetes Experimentierfeld.

Christina Genova
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Die Vorhänge im neuen Kunstcafé sind mit einem Gemälde Caro Niederers bedruckt. Zieht man sie, sieht man den Kräutergarten im Stadtpark. (Bilder: Michel Canonica)

Die Vorhänge im neuen Kunstcafé sind mit einem Gemälde Caro Niederers bedruckt. Zieht man sie, sieht man den Kräutergarten im Stadtpark. (Bilder: Michel Canonica)

Christina Genova

christina.genova@tagblatt.ch

Dort wo bis vor einem Jahr noch die Ameisen krabbelten gibt es jetzt Kaffee und Cupcakes. Caro Niederer hat im Untergeschoss des Kunstmuseums St. Gallen, wo sich früher das Naturmuseum befand, ein hübsches Café eingerichtet, das gleichzeitig eine Ausstellung ist. Sie ist nach Marc Dion die zweite Künstlerin, welche die neuen Räume bespielt, die ab 2019 umgebaut und an die Bedürfnisse des Kunstmuseums angepasst werden.

Caro Niederer ist in St. Gallen keine Unbekannte. Die Zürcherin mit Bürgerort Lutzenberg hatte 1993 in der Kunsthalle St. Gallen ihre erste grosse Einzelausstellung und war 2004 St. Galler Manor-Preisträgerin. In den letzten Jahren kam ihre Karriere etwas ins Stocken, und es ist es ruhiger geworden um sie. Bis Ende August hat sie nun das Glück und die Chance, das Provisorium zu bespielen: «Es ist toll, so zu arbeiten. Es ist das, was sich eine Künstlerin wünscht», sagt die 54-Jährige.

Schon lange fehlte im Kunstmuseum ein Café, nun ist es da – zumindest vorübergehend. Denn was damit nach dem Ende der Ausstellung geschehen wird, ist noch unklar. Geführt wird es von der Appenzeller Kamerafrau und Gastronomin Verena Schoch, geöffnet ist es zu den Öffnungszeiten des Kunstmuseums. Schade, dass es nur für zahlende Museumsbesucher zugänglich ist. Auch aus den Teekräutern vom nahen Stadtpark wurde leider nichts, obwohl in den Beeten, welche Caro Niederer vom Gartenbauamt hat anlegen lassen, wilder Thymian, Schafgarbe und Huflattich gut gedeihen.

Aus Gemälden werden Vorhänge

Das neue Café ist ein Ort, wo die Grenzen zwischen bildender und angewandter Kunst verwischen. Die fünf farbigen Glasleuchten, die über der Bar hängen, wurden von der Architektin Carmen Humbel entworfen, die mit Caro Niederer befreundet ist. Mit den Keramikern von Good Life Ceramics, welche die Werkstatt neben ihrem Atelier haben, hat die Künstlerin eine 150-teilige Porzellanserie entworfen. Sie ist inspiriert von chinesischem Porzellan aus dem Museum Rietberg und dem Geschirr, das die Künstlerin bei sich zu Hause hat. Die grün lasierten Tassen, Teller und Dosen sind im Café in Gebrauch und werden nach Ende der Ausstellung als Edition verkauft. Die Schichtholzstühle des St. Galler Gestalters Albert Rauch, mit welchen er 1955 an der Triennale von Mailand die Goldmedaille gewann, sind ebenso Bestandteil des Gesamtkunstwerks wie die italienischen Vintagehocker aus den 1960er-Jahren.

Spannend ist, wie Caro Niederer ihre Malerei in andere Medien überführt: Aus den monochromen Gemälden «Schloss Sanssouci» – ein Interieur – und «Mädchen im Wald» von 2009, die auf privaten Erinnerungsfotos basieren, wurden Vorhänge und Sitzpolster. Privates wird öffentlich, gemaltes Interieur wird zu realem. Zieht man die Vorhänge, blickt man auf den Kräutergarten. Auch zwei Fotos aus der Werkgruppe Interieurs sind präsent: Seit 1994 fotografiert die Künstlerin ihre verkauften Gemälde in ihrer «natürlichen» Umgebung, sprich, zu Hause bei ihren Besitzern. Wie im Café verschmelzen Kunst und Leben.

Ausstellung im Wandel

Momentan werden ausserhalb des Cafés noch Trennwände und eine neue Beleuchtung eingebaut. In den nächsten Monaten wird Caro Niederer aber weiter in den Raum ausgreifen, die Ausstellung laufend verändern, drei Teileröffnungen sind geplant. Sie wird eigene Werke und solche befreundeter Künstler zeigen. Wer das sein wird, will sie noch nicht verraten. Nicht überraschend wäre, wenn Andreas Rüthi, Gilles Rotzetter, Claudio Moser oder Rachel Lumsden darunter wären – alles Künstler, die sie schätzt. Mit Pipilotti Rists Wohnzimmer im Kinosaal und Videos von Silvie Fleury im Café sind bereits Werke von zwei Künstlerinnen der Generation Caro Niederers präsent. Ausserdem kann man sich auf zwei Holzliegen des jungen Genfer Künstlers Timothée Calame fläzen und Niederers Video «Gespräche über die Arbeit» von 2004 anschauen.

Caro Niederers Café ist ein äusserst gesittetes Experimentierfeld, das niemandem weh tut. Böte aber nicht gerade ein Provisorium die Chance, im Kunstmuseum auch mal ein grösseres Wagnis einzugehen?

Bis 26.8.; Teileröffnungen 22.11., 24.1. und 25.4.; Kunstbuchmesse Good Life Books 1.12. 18.30–23.00 Uhr und 2.12. 13.00–16.00 Uhr.