Ausstellung in Luzern: Promis erleben den Kick des Spazierens

Spazieren ist die Leidenschaft von Silas Kreienbühl. Der Luzerner Künstler findet darin Stoff für seine Aktivitäten. Aber auch Impulse für die eigene Lebenshaltung. Diese Passion will er mit Hilfe von Prominenten verbreiten.

Pirmin Bossart
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Im Neubad hängen rund 30 Arbeiten aus der Serie «Spazieren zu zweit» die Silas Kreienbühl in den letzten Monaten angefertigt hat. Es sind Logbücher mit Fotografien, die hinter Glas gefasst sind. Zu sehen ist jeweils eine Doppelseite mit ein paar Fotos, die unterwegs auf einem Spaziergang entstanden sind. Dazu kommen Reflexionen zum Spazieren, die der Künstler zu Papier gebracht hat, sowie eine kleine Bi­bliothek an Büchern, die als In­spiration dienen. Die Ausstellung ist sorgfältig gestaltet und zeigt ­einen ernsthaften Umgang mit der Verspieltheit des Themas.

Bei den Spaziergängern handelt es sich um mehr und weniger bekannte Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur wie Moritz Leuenberger, Pedro Lenz, Niccel Steinberger, Felix Müri, Guido Graf, Philippe Bischof, ­Niklaus Troxler, Beat Züsli oder Rochus Lussi. Sie alle begleiteten ­Silas Kreienbühl auf einem Spaziergang. «Wir machten einen Treffpunkt und eine Zeit ab, dann drückte ich dem Gast eine Kamera in die Hand. Er konnte entscheiden, in welche Richtung wir losmarschierten, wie lang wir unterwegs waren, wie viele Fotos er machen wollte.»

Spazieren ist nicht zielgerichtet

Für Silas Kreienbühl ist spazieren eine allumfassende Tätigkeit, die nicht nur offene Augen und Ohren erfordert, sondern ihm auch Sinnbild für ein bewusstes Leben im Moment ist. «Spaziergänge sind nicht zielgerichtet, dennoch erfordern sie Entscheidungen. Sie lernen einem, die Umwelt ­klarer zu sehen, auf Unerwartetes zu reagieren, Unspektakuläres wahrzunehmen, zu staunen und auch vorgefasste Bilder im Kopf zu revidieren. Sich vorzustellen, wie ein bestimmter Spaziergang sein könnte, ist immer anders, als ihn tatsächlich zu machen.»

Insofern, sagt Kreienbühl, lernten ihn Spaziergänge auch, sich in anderen Situationen und Lebensbereichen bewusster zurechtfinden zu können, offener zu leben. Schon für seine ersten Arbeiten nach der künstlerischen Ausbildung spazierte Kreienbühl über den Napf oder durch Wälder und hielt bestimmte Situationen mit der Kamera fest. 2009 nannte er eine seiner Arbeiten «Spaziergang mit Kamera», ohne zu wissen, dass das «Spazieren» dereinst zu einer Kernposition seiner Wahrnehmung und seiner Aktivitäten werden würde.

Mit dem Umzug nach Berlin vor zwei Jahren gewann das Unterwegssein im Moment wieder eine neue Dimension. «Spazierend konnte ich meinen neuen Lebensraum kennen lernen. Gleichzeitig vertiefte sich in mir die Gewissheit, dass das Spazieren eine Methode sein könnte, potenziell unendlich viele Antworten zu bekommen. So habe ich angefangen, nicht nur diese konkrete Auseinandersetzung, sondern mittlerweile auch meine ganze künstlerische Arbeit, meine Haltung und sogar mein Leben gerne als spazierend zu sehen.»

Für Kreienbühl, der seit 2011 auch Direktor des KKLB (Kunst und Kultur im Landessender Beromünster) amtet, ist das jüngste Projekt «Spazieren zu zweit» eine Fortsetzung seiner «künstlerischen Forschungsarbeit», in die immer auch andere Wissensgebiete einfliessen. Kreienbühl liest viel, geht ins Theater, hält die Fühler bei Begegnungen und Diskussionen offen. Das «Interdisziplinäre» ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. In seiner konzeptionellen Kunst spiegelt sich seine Neugierde für wissenschaftliche, philosophische, literarische und soziologische Einflüsse und Erkenntnisse. «Letztlich geht es mir darum, mit dem Spazieren mehr über das Leben herauszufinden. Die Erkenntnisse eines Künstlers sind nicht wichtiger als diejenigen eines Biologen oder eines Astrophysikers.»

Auch Künstler Niklaus "Knox" Troxler liess sich von Silas Krähenbühl fotografieren, hier in Berlin auf dem Prenzlauer Berg.

Auch Künstler Niklaus "Knox" Troxler liess sich von Silas Krähenbühl fotografieren, hier in Berlin auf dem Prenzlauer Berg.

Im schlimmsten Fall hat man sich wenig zu sagen

Das Konzept von «Spazieren zu zweit» ist auch auf der menschlich-kommunikativen Ebene eine Bereicherung, weil sich Kreienbühl auf Menschen einlässt, die er nicht kennt. «Da treffen für eine bestimmte Zeit zwei Welten, zwei Sichtweisen, zwei Realitäten aufeinander. Sich dem auszusetzen ist für beide Seiten ein sich Hinausbewegen aus dem bereits Bekannten. Es ist verrückt, was daraus entstehen kann.» Im schlimmsten Falle habe man sich wenig zu sagen. «Auch das gilt es auszuhalten.»

Von diesem umfassenden Prozess, der sich im ziellosen Spazieren ereignet, bleiben am Ende ein paar Fotos. Für Kreienbühl sind sie Mittel zum Zweck. Dennoch hat er sie akribisch für sein Ausstellung aufbereitet. «Es ist eine Reduktion, die nie alles abbilden kann, was sich ereignet hat. Aber darum geht es mir gerade.» Auch von den Logbüchern der einzelnen Protagonisten zeigt er bewusst nur eine Doppelseite. Es gehe nicht darum, zu erfahren, was die Spaziergänger alles erlebt hätten, sagt Kreienbühl. Das sei bereits vergangen und könne in seiner Komplexität eh nicht vermittelt werden. «Auch was ich mit Pedro Lenz oder Felix Müri erlebt habe, ist letztlich nur für mich selber relevant.»

Anstoss für den Betrachter, selber zu spazieren

Aber was dann? Warum dann die Ausstellungsobjekte? Sie sind weniger Relikt einer Begegnung, als vielmehr Anstoss, selber spazierend aktiv zu werden. Sie propagieren, motivieren und sind – nicht zuletzt aufgrund der prominenten Namen – Werbung für den universelle Kick des Spazierens. Silas Kreienbühl möchte die Leute mit seinen Arbeiten anregen, dass sie selber spazieren, im ­Alltag bewusster hinschauen und vielleicht daraus weitere ­Erkenntnisse ziehen können. «Wenn es mir gelingen würde, dass andere selber spazieren gehen: Das wäre für mich das grösste Kunstwerk.»

Die Ausstellung «Spazieren zu zweit» in der Neubad-Galerie ist noch bis am 20. März zu sehen. 13. März: Gespräch zur Ausstellung mit Künstler Wetz. 20. März: Finissage mit Gast René Stettler.