Sie singen dem Tod ein Lied vom Leben: Erzählprojekt letzte Lieder in der Olma-Halle St.Gallen

Welche Musik bedeutet einem etwas im Angesicht des Todes? Stefan Weiller befragte für sein Projekt «Letzte Lieder» viele Sterbende. Der hochemotionale Text-Musik-Abend wurde zum Auftakt des Demenzkongresses in St.Gallen aufgeführt.

Bettina Kugler
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«Welche Musik ist Ihnen kostbar und was verbinden Sie damit?» Band, Sänger und Schauspieler erzählen und singen in «Letzte Lieder und die Welt steht still» Lebensgeschichten von Sterbenden. (Bild: PD)

«Welche Musik ist Ihnen kostbar und was verbinden Sie damit?» Band, Sänger und Schauspieler erzählen und singen in «Letzte Lieder und die Welt steht still» Lebensgeschichten von Sterbenden. (Bild: PD) 

Der Mann aus Zimmer 16 will seine Ruhe haben. «Das schönste Lied überhaupt ist Stille», sagt er, einer der vielen Sterbenden, die Stefan Weiller für das Projekt «Letze Lieder» befragt hat; «wenn man sie aushält».

Die Stimme leiht ihm der Schauspieler Samuel Weiss; der Patient ist unterdessen verstorben. Da wird es so still in der Olma Halle 2.1, dass man eine Stecknadel auf den Spannteppich fallen hören könnte. 60 Sekunden ohne Worte, ohne Musik: Vielleicht sind sie wirklich die intensivsten an einem hochemotionalen Abend zum Auftakt des St.Galler Demenzkongresses.

Schauspieler Samuel Weiss leiht in «Letzte Lieder» Verstorbenen seine Stimme. (BIld: PD)

Schauspieler Samuel Weiss leiht in «Letzte Lieder» Verstorbenen seine Stimme. (BIld: PD)

Doch nein, man würde den Sängerinnen und Sängern auf der Bühne und an wechselnden Orten im Raum, den Musikern diverser Stilrichtungen, die hier lustvoll und unkompliziert unter der Gesamtleitung von Ralf Sach zusammenspannen, unrecht tun. Christina Schmid und Mareike Bender geben von Monteverdi bis Schlager und Whitney-Houston-Soul einfach alles, und immer geschmackvoll.

Mit Theodore Browne singt man gern «Let it be»; Natasha und Andreas Hausammanns «Hallelujah» von Leonard Cohen dürfte dreimal mehr Strophen haben; und da sind noch der Konzertchor St.Gallen unter der Leitung von Bernhard Bichler, Akkordeonist Goran Kovačević, die Streicher, die Band.

Galgenhumor, Hoffnung und ein Lächeln

Vor allem aber wäre es schade um all die Geschichten vom Leben, erzählt im Angesicht des Todes. Menschen im Hospiz sprechen darin über Musik, die mit ihren Liebsten, mit bedeutenden Momenten verbunden war oder ihnen zeitlebens im Nacken sass. Auch das gibt es.

Lesen mit feinsten Zwischentönen: Ursela Monn, Christoph Maria Herbst und Samuel Weiss (von links). (Bild: PD)

Lesen mit feinsten Zwischentönen: Ursela Monn, Christoph Maria Herbst und Samuel Weiss (von links). (Bild: PD)

Ursela Monn hat als Sprecherin dafür feinste Zwischentöne, Christoph Maria Herbst ebenso. In mehr als zwei Stunden blitzt viel Galgenhumor auf. Lachend zu sterben, ein Lächeln zurücklassen: Diese Hoffnung nehmen die Weiterlebenden von diesem Abend mit in die Nacht.

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