PRO UND CONTRA: Der Song Contest - Ärgernis oder Show der Superlative?

Millionen Fans fiebern dem Finale des Song Contest am Samstag entgegen. Für andere ist der Grossanlass ein absolutes No Go. Gleichgültig lässt der Gesangswettbewerb kaum jemanden - eine Kontroverse.

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Daniel Walt (Bild: Ralph Ribi)

Daniel Walt (Bild: Ralph Ribi)

"Eine masslose Blingbling-Show"


(Christa Kamm-Sager, Tagblatt Online)

Auf Malta hat sie mich nochmals ganz unerwartet gepackt, diese Faszination namens Eurovision Song Contest. Ich liess mich anstecken - für ein letztes Mal. Auf der Mittelmeerinsel ist der ESC ein regelrechter Strassenfeger. War es zumindest vor zwölf Jahren noch. Es gab niemanden, der an diesem Samstagabend nicht vor dem Fernseher sass.

Es war dieselbe Euphorie wie in meiner Kindheit. Den ganzen Samstag, ja Tage vorher schon, freuten wir uns auf den Eurovision Song Contest. Betteten uns eine halbe Stunde vor Showbeginn mit Kissen und Decken vor den Fernseher, fieberten mit den Interpreten aus der Schweiz mit - und: Wir durften zusehen bis zum meist bitteren Ende. Es wurde spät. Das machte nichts. Die Eltern waren schliesslich mit demselben Feuer dabei. Johnny Logan mit seinem "What´s Another Year" im Jahr 1980 oder Nicole mit "Ein bisschen Frieden" zwei Jahre später berührten unsere Kinderherzen.

Christa Kamm-Sager (Bild: Urs Bucher)

Christa Kamm-Sager (Bild: Urs Bucher)

Schon Jahre vor und besonders nach dem Malta-Erlebnis im Jahr 2005 fand für mich der ESC nicht mehr wirklich statt. Höchstens noch im Schnelldurchlauf und emotionslos. Den endgültigen Todesstoss versetzte meiner Leidenschaft im Jahr 2006 die finnische Hard-Rock- und Heavy-Metal-Band Lordi mit ihrem "Hard Rock Halleluja"-Klamauk. Ab diesem Jahr konnte ich den ESC endgültig nicht mehr ernst nehmen. Nicht mehr mein Ding. Für mich sank der ESC damals auf seinen Tiefpunkt. Vielleicht musste dieser Tiefpunkt sein, dann hätte es wieder aufwärtsgehen können. Aber ich kann leider bis heute nicht mehr in dieses ESC-Gefühl zurückfinden. Nicht mal der "Phoenix" von Conchita Wurst im Jahr 2014 half mir, zusammen mit dem ESC wieder aus der Asche aufzuerstehen.

Francine Jordi qualifiziert sich 2002 mit «Dans le jardin de mon âme» direkt für den Final, landet aber auf Platz 22 von 24 Teilnehmern (15 Punkte). (Bild: Olivier Maire / EPA)
11 Bilder
0 Punkte, 2011: Anna Rossinelli mit «In Love for a While». Die Baslerin hatte es immerhin in den Final geschafft, im Gegensatz zu: (Bild: Jörg Carstensen / EPA)
Piero Esteriore & The Music Stars mit «Celebrate!», der wohl grösste Flop aller Zeiten: im Jahr 2004: 0 Punkte und im Halbfinal ausgeschieden. (Bild: Murad Sezer / Keystone)
Gunvor Guggisberg schafft es 1998 mit ihrem Song «Lass ihn» immerhin ins ESC-Finale, scheidet aber ebenfalls mit 0 Punkten aus. (Bild: Michele Liminia / Keystone)
Rykka 2016 mit «The Last of Our Kind»: 18. Platz von 18 Teilnehmern im Halbfinale, immerhin gehen 28 Punkte auf ihr Konto. (Bild: Maja Suslin / EPA)
Mélanie René erreicht 2015 den 17. Platz von 17 Teilnehmern im Halbfinale: 4 Punkte gehen auf ihr Konto. (Bild: Robert Jaeger / EPA)
Michael von der Heide scheidet 2010 als 17. von 17 Teilnehmern im Halbfinale aus. Mickrige 2 Punkte gehen auf sein Konto. (Bild: Salvatore di Nolfi / Keystone)
Die ESC-Erfolge: Platz 1 1956: Lys Assia mit «Refrain», hier 2011 bei der ESC-Entscheidungsshow. 1958 schafft es die Aargauerin mit «Giorgio» auf Platz 2. (Bild: Ennio Leanza / Keystone)
Platz 1 1988: Céline Dion mit «Ne partez pas sans moi», hier 2016 bei einer Modeschau. (Bild: Zacharie Scheurer / EPA)
Esther Ofarim schafft es 1963 mit ihrem Song «T'en vas pas» auf Platz 2 von 16 Teilnehmern. (Bild: Keystone / Str)
Platz 3, 1982: Arlette Zola mit «Amour, on t'aime», Platz 3 von 18 Teilnehmern. (Bild: Keystone / Str)

Francine Jordi qualifiziert sich 2002 mit «Dans le jardin de mon âme» direkt für den Final, landet aber auf Platz 22 von 24 Teilnehmern (15 Punkte). (Bild: Olivier Maire / EPA)

Das hängt nicht damit zusammen, dass die Schweizer Interpreten in den letzten zehn Jahren desaströs abschnitten und wir unseren Stellenwert in der europäischen Gemeinschaft mit den vielen Zero Points deutlich unter die Nase gerieben bekommen haben. Es ist mir zu viel Einheitsbrei, zu wenig kulturelle Identität, zu viel und zu belanglose Musik, eine masslose Blingbling-Show, bei der extra für diesen Megaanlass konstruierte Bands mehr Schein als Sein zeigen. Nicht die Idee ESC als solche stört mich - nur das, was daraus geworden ist.


"Song Contest - Dramen, Emotionen, Sensationen"


(Daniel Walt, Tagblatt Online)

Zugegeben: Es gibt Spannenderes, als stundenlang zuzuschauen, wie 26 mehr oder weniger begabte Sängerinnen und Sänger ebenso viele mehr oder weniger spannende Songs interpretieren. Ganz zu schweigen von der anschliessenden Punktevergabe. Diese ist in den letzten Jahren zwar gestrafft worden, verlängert den Anlass aber immer noch bis weit über Mitternacht hinaus. Trotzdem: Für jeden Musikfan, der etwas auf sich hält, ist der Song Contest Pflicht.

Daniel Walt (Bild: Ralph Ribi)

Daniel Walt (Bild: Ralph Ribi)

Alleine schon ein Blick in die Geschichte des Grossanlasses reicht, um dessen Bedeutung im Bereich der kommerziellen Musik zu verstehen. Für einen Udo Jürgens oder eine Céline Dion diente der Gesangswettbewerb als Sprungbrett für eine Weltkarriere - Stichworte: "Merci Chérie" und "Ne partez pas sans moi". Bereits etablierte Grössen wie Toto Cutugno, Nino de Angelo oder DJ Bobo scheuten sich in der Vergangenheit nicht, am Contest teilzunehmen – und schnitten teils höchst erfolgreich, teils peinlich schlecht ab. Song Contest, das bedeutet Hochspannung, Dramen, Emotionen – und immer wieder Sensationen. Nichts mit Favoriten, die durchmarschieren, oder Nobodys, die keine Chance auf den Sieg haben.

Über all die Jahre hinweg hat sich der Song Contest einen gewissen Klamaukfaktor zugelegt. Und: Abgefahrene Acts haben mittlerweile mehr Chancen auf einen Triumph als singende Biedermänner. Man mag das bedauern – Argumente gegen den Gesangswettbewerb sind das allerdings nicht. Denn der Song Contest war und ist ein Abbild gesellschaftlicher Tendenzen. Sich damit auseinanderzusetzen, freut, unterhält, ärgert – aber lässt niemanden der rund 200 Millionen Zuschauer, die den Anlass mittlerweile am TV verfolgen, gleichgültig. Selbst wenn es auch dieses Jahr wieder heissen wird: "Switzerland, zero points".
Top oder Flop? Hören Sie sich durch die wechselvolle Geschichte der Schweizer Song-Contest-Beiträge der letzten rund 30 Jahre:

Für die Schweiz am Start: Timebelle. (Bild: EFREM LUKATSKY (AP))

Für die Schweiz am Start: Timebelle. (Bild: EFREM LUKATSKY (AP))

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