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PREMIERE: Wir alle sind bloss Weltraumschrott

Das Theater St. Gallen spielt in «Einige Nachrichten an das All» von Wolfram Lotz mit dem Chaos und dem Tod.
Bettina Kugler
Der «Leiter des Fortgangs» (Oliver Losehand, links) gibt der Sinnlosigkeit Struktur. (Bild: Toni Suter)

Der «Leiter des Fortgangs» (Oliver Losehand, links) gibt der Sinnlosigkeit Struktur. (Bild: Toni Suter)

Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch

Heinrich von Kleist hat nichts Besseres zu tun, als zu DDR-Zeiten ein Moped zu reparieren. Ein kleines Mädchen, Hilda, wird auf dem Weg zum Kinderturnen von einem Offroader überfahren, darf aber im Jenseits einer Fernsehshow ihren alleinerziehenden Vater wiedersehen und mit ihm per Rakete zurück ins Leben fliegen. Eine sehr dicke Frau, gespielt von einem sehr dünnen Christian Hettkamp, gerät versehentlich in die Sendung und wird zurückgespult.

Klingt unwirklich und ab- surd – doch das Theater des vielfach preisgekrönten deutschen Dramatikers Wolfram Lotz, Jahrgang 1981, nimmt sich die Freiheit, dem Realismus auf der Bühne redselig ein Schnippchen zu schlagen. Und Regisseurin Barbara-David Brüesch wiederum ist so frei, den Text von Lotz nicht einfach nachzubuchstabieren.

In seinem Stück «Einige Nachrichten an das All» ist ein Showmaster Sachwalter des ungebrochenen Spasses am Dasein. Als «Leiter des Fortgangs» bezeichnet er sich, munter wie Thomas Gottschalk in seinen besten Jahren, vielleicht etwas verbissener in seiner Frohbotschaft der «Unterhaltung». Die wird er letztlich auch (weil Kleist sich ziert, die Welt in ein einziges Wort zu fassen) in den Weltraum übermitteln: so schrill, dass es im Ohr wehtut. Ein Job für Oliver Losehand; er schont sich nicht – kein Wunder bei dem Portfolio, das Lotz ihm ins Textbuch geschrieben hat. Pech dagegen haben Lum und Purl Schweitzke.

Wie Wiedergänger aus einem ewigen Drama von Beckett öffnen sie zu Beginn eine Bodenklappe und klettern auf die Bühne von Damian Hitz. Um bis zum Schluss mit kindlicher Beharrlichkeit einen Sinn ihres Daseins im Stück zu fordern: zum Beispiel ein Kind. Beim «Leiter des Fortgangs» sind sie da an der falschen Adresse. Obwohl gerade sie, die «verkrüppelten Idioten», so etwas wie Struktur in diese «Explosion» von Stück bringen, dieses knallige Durcheinander von Krippenspiel, Show, Trashcomedy und absurdem Theater menschlicher Existenz im übergrossen Ganzen. Ein Weltraum der Möglichkeiten tut sich auf; verloren stehen und sitzen Bruno Riedl (liebenswert einfältig und höflich) und Tobias Graupner (der sich zwei Stunden lang sehr überzeugend als Spastiker über die Bühne quält) herum und würden gern mitspielen. Doch Lotz braucht sie lediglich als Klammer und als Beweis für die Erkenntnis, dass alles hier auf Erden Weltraumschrott ist: die Dinge, die kleinen Leute und grossen Geister samt ihrer Kopfgeburten.

Ein bunter Reigen von Tiefsinn bis Blödsinn

Kunterbunt und munter, hin und wieder etwas zerdehnt bringt die Regie das über die Rampe, vom Krippenspiel mit Schwester Inge (Diana Dengler) und den krebskranken Kindern im Foyer bis zum Nichts, in das am Ende alles heimkehrt. Die Bühne spielt Samstagabendshow vor Mondlandschaft, mit – Obacht, Bedeutung! – blauen Blumen als Dekor. Der Text ergeht sich in komischer Verzweiflung daran, dass alles kommt und geht, auch das Theater als Ort des Unmöglichen, sogar mit Fussnoten (Birgit Bücker). Da kann Anja Tobler in schneller Folge ein zauseliger Forscher, Kleist und Doris Leuthard sein, die «Bums!» ins All spricht. Mal tänzelt sie entspannt mit in der ziemlich abgelutschten Entertainmentsatire, mal steckt sie tragisch fest in einem Plastikstuhl und verteidigt den Zynismus. Bis zum Weiterflug ins Weltall.

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