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PREMIERE: Schweine in Brüssel und Auschwitz wird Hauptstadt

Das Neumarkt-Theater bringt Robert Menasses Roman «Die Hauptstadt» auf die Bühne. Die Theaterfassung ist aber nicht plausibel. Die Figuren verkommen zu grellen Knallchargen ohne Gewinn.
Tobias Gerosa

Es spaziert ein Schwein durch Brüssel. Oder sind’s mehrere? Der verdämmernde Holocaust-Überlebende sieht es, der Killermönch, der EU-Karrierist und die gebremste Karrieristin. Ob das Mordopfer es auch gesehen hat? Der österreichische Autor Robert Menasse hat letztes Jahr in seinem Roman «Die Hauptstadt» ihre Geschichten scheinbar lose verbunden. Faszinierend ergibt sich da ein Geflecht von impliziten und expliziten Bezügen, das Mechanismen zeigt und vor allem, wie sich Menschen mit dem Schweineexport oder der Begründung einer Gedenkfeier mehr oder weniger redlich abmühen.

Mit dem Stoff abmühen tut sich jetzt leider auch die Theaterfassung von Regisseur Tom Kühnel und Neumarkt-Dramaturg Ralf Fiedle damit, gerade weil man sich überbetont locker gibt. Ob Regenillusion, Bettszene oder Europasterne und Staubsaug­roboter: Die Bilder überzeugen. Wenn aber ganze Video- und schliesslich auch noch eine ­Comicsequenz untermalt von schwülstiger Filmmusik gezeigt werden, wird’s zu viel. Oder liegt dieser Eindruck nur an der Dramaturgie der Stückfassung? Man kennt den Roman mit Vorteil.

Offerzähler wirkt wie ein Notbehelf

Die Theaterfassung bezieht viele der Romanstränge ein. Zu viele, die dabei einfach aufeinanderfolgen, statt dass Übergänge gestaltet wirken würden. Der Offerzähler vermag sie in seiner Eintönigkeit nicht zusammenzuhalten und wirkt wie ein Notbehelf. Trotz dreistündiger Dauer kann sich kaum eine Geschichte entwickeln, immer schiesst schon die nächste in die Arena. Das wirkt gehetzt, zerfahren – inhaltlich wie stilistisch. Und verführt das vollständig im Einsatz stehende siebenköpfige Hausensemble (in 23 Rollen!) nicht nur zu vielen Kostümwechseln, sondern leider zur Übertreibung. Das wiederum dreht den realistisch erzählten, satirischen Roman einseitig in eine karikaturistische Richtung. Aus melancholisch-sympathischen Figuren wie dem Polizisten oder dem Professor werden Knallchargen. Was ist der Gewinn dabei? Beim Lesen wirkt die Idee, Auschwitz als Anlass für die Geburtstagsfeier der Europäischen Kommission zu machen, zwar befremdend, aber die Begründung ist nachvollziehbar. Genauso wie die Forderung des pensionierten Professors Erhard, in Auschwitz die neue, wirklich europäische Hauptstadt zu bauen, um die Nationalstaaten wirklich zu überwinden. Im Neumarkt wirkt gerade Letzteres zu seltsam besetzt und gespielt, um ernsthaft bedacht zu werden.

Wo die Regie am klarsten theatralisch eingreift, funktioniert der Abend am besten. Sie besetzt den Holocaust-Überlebenden David de Vriend mit einem Kinderstatisten. Hier schafft die Bühne die szenische Klammer zum Eclat des Schlusses, leider nur hier.

Tobias Gerosa

Vorstellungen bis 19. Februar, Theater Neumarkt, Zürich

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