Premiere in der St.Galler Lokremise: Glück teilen zu dürfen, ist das grösste Glück

Das St.Galler Komiktheater unter der Regie von Olli Hauenstein feierte am Donnerstag in der Lokremise den umjubelten Start seines ersten Stücks «Glücksentdecker».

Martin Preisser
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Das Komiktheater öffnet Herzen.

Das Komiktheater öffnet Herzen.

Bilder: Michel Canonica

Am Besen kann man nach der Mondlandung die Fahne hissen. Der Besen kann aber auch im Casino die Jetons an die richtige Stelle schieben. Oder er dient als Schiffsgeländer. Oder man tanzt einfach mit ihm. Eine Leiter kann der Eiffelturm sein oder eine Rakete. Und ein Theaterabend ohne viele Worte kann zu einer wunderschönen, 70-minütigen Poesiereise werden.

Zwei Jahre arbeiteten vier Menschen mit Handicap jeden Tag an ihrer ersten Produktion «Glücksentdecker». Und haben ihr Glück entdeckt, professionell Theater zu machen und dieses Glück mit ihrem Publikum zu teilen. «Weil wir Geschichten gerne auf unsere Art erzählen, erzählen wir sie spielend», sagt das Komiktheater über sich selbst. Cello (Markus Heim) Ella (Manuela Baldinger), Nana (Joanna Rohner) und Silasino (Silas Obertüfer) verzaubern schlicht das Publikum, entlocken ihm ein feines Lachen, vermitteln Lebensfreude auf dem für uns alle immer wieder anspruchsvollen Weg, ein Stück Glück zu finden.

Die Beeinträchtigung ist auf der Bühne kaum zu spüren

Der Thurgauer Clown Olli Hauenstein hat langjährige Erfahrung im Bereich des integrativen Theaters. Sein Können hält den Abend zusammen, und doch schafft er es, mit seinem Quartett auf der Bühne ein behutsam steuernder Gleicher unter Gleichen zu sein. Er fungiert in diesem Stück als Clown, Ideengeber, Regisseur und Coach seiner Mitspielenden.

Dei Schauspieler Markus Heim, Joanna Rohner und Manuela Baldinger.

Dei Schauspieler Markus Heim, Joanna Rohner und Manuela Baldinger.

Die Premiere von «Glücksentdecker» ist nicht ein herziger Abend mit Menschen mit Beeinträchtigung, sondern Theater, bei dem Menschen mit Beeinträchtigung ernsthaft Theater, Clownerie und Bühnenpräsenz gelernt und trainiert haben und ihre Beeinträchtigung auf der Bühne fast vergessen machen.

Zu sehen ist ein berührendes Stück voll echter Professionalität. Mit einfachen Requisiten sind die fünf auf der Suche nach dem Glück, im Zug nach Paris, im Casino, als Strassenmusikanten und Raumfahrer. Glück ist ein Balanceakt, der genau gezeigt wird. Ein Balanceakt, der gelingt, weil man zusammenhält. Schnell erobert die Truppe, die in der St.Galler Institution Sonnenhalde-Tandem Theaterspielen zum Beruf gemacht hat, die Herzen der Zuschauer, gekonnt, gewitzt und präsent.

Balanceakt: Gemeinsam schafft man ihn.

Balanceakt: Gemeinsam schafft man ihn.

Glück heisst auch, der Fantasie Raum geben und sie ausdrücken. Da wächst beim Theaterspielen mancher über sich hinaus. Cello begeistert als Tänzer und Jongleur mit dem Besen und legt den Höhepunkt des Abends hin, wenn er zu Freddy Quinns «Die Gitarre und das Meer» von Anita träumt.

Das Komiktheater mit seinem Leiter Olli Hauenstein (2.v.r.)

Das Komiktheater mit seinem Leiter Olli Hauenstein (2.v.r.)

Glück kann man am Spielautomaten haben oder im Casino, aber sicherer ist es für einen Moment zu fassen, wenn man es in der Einfachheit sucht, im gemeinsam erlebten Augenblick. Das sagt diese erste Produktion mit leichter Hand, aber mit konzentriertem Spiel. Dass die fünf nicht nur das Glück entdecken, sondern diese Entdeckung mit dem Publikum teilen und ihm einen Abend voll Glück schenken, ist nicht das letzte Verdienst dieses gelungenen Stücks.

Hinweis

Sa, 18.1., 20 Uhr, Lokremise, St.Gallen; 7./8. 2., 20 Uhr, Eisenwerk, Frauenfeld; danach Tournee durch die Ostschweiz;

www.komiktheater.ch

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