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PREMIERE: Freier Fall ins Ungewisse

Der Theatermacher René Pollesch zeigt im Zürcher Schiffbau «Hello, Mister MacGuffin!». Er karikiert die Backstages von Theater, Film - und Wirklichkeit.

Was machen, wenn man ein Stück, eine Filmszene proben soll und es gibt keine Vorlage. Keinen Text. Keine Anweisungen. Nur einen Tisch, die üblichen halb aufgegessenen Brösel darauf, eine Lampe, Papier, ein paar Stifte und eine alte Schreibmaschine. Dahinter, etwas erhöht, der eigentliche Schauplatz: Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock, lange Jahre Mitglied der Marthaler-Familie, arbeitet zum ersten Mal mit dem wilden Pollesch.

Morbider Gang durch existenzielle Gezeiten

Sie baute ihm für das Stück, das es gar nicht gibt, eine schräg durch den Raum verlaufende Glaskabine mit dem leuchtenden Schriftzug «weltberühmt». Links angrenzend eine Hausfassade mit grossen Fensteröffnungen. Zwei Türen, beide kränkelnd an Farbfrische, schliessen diese Auslegeordnung ab. In ihr wird nun während eineinhalb Stunden hauptsächlich gefallen wie in den besten Stunts. Man taucht ab oder auf durch eine Falltüre. Hinter den zwei grossen Fensterrahmen befindet sich ebenfalls eine Art Fallgrube. Die vier Frauen und der eine Mann purzeln, stürzen kopfüber weg aus Probe, Text und Leben.

Jirka Zett, Hilke Altefrohne, Inga Busch, Marie Rosa Tietjen und Sophie Rois sind ein aus der Zeit und der Unterhaltungsbranche gefallenes Quintett. Hitchcock gibt den Anführer, schliesslich war er der Erfinder von «MacGuffin». Einer Fantasiefigur, eine «Finte», die er um seine Plots herum erfand. Geheimnisvoll die Handlung antreibend, doch letztlich unwichtig. Im Schiffbau, bis zum letzten Platz besetzt, soll es darum gehen, eine nicht vorhandene Textvorlage umzusetzen zum Thema: «Mausefalle, Schauspieler retten die Welt». So absurd der Titel klingt, so ironisch-komisch sind die Versuche, diese Vorgabe mit Inhalt zu füllen. Die Figuren haben keine Namen. M. sagt: «Ein Stück Leben filmen, das mache ich nie, das haben die Leute bei sich zu Hause oder auf der Strasse.»

Hervorragendes Ensemble um Sophie Rois

Die nicht existierende Figur MacGuffin bildet darin das goldene Kamel, das es am Ende eines roten Teppichs abzuholen gäbe. Nur kommen die fünf Fi-guren einschliesslich «Commander» nicht aus ihren verschnippelten, sinnentleerten Wortschwallen heraus, die einer erhitzten Diskussion auf der Vormittagsprobe gleichen. Erlebtes, Intrigen, Filmzitate und -szenen, Aufwallungen und Blösse im freien Fall. Aufgeheizt von Soundtracks aus «Psycho» bis «Rear Window». Es wird geklönt und gekreischt, und meistens hört man als Zuschauer nichts, weil ein eingespieltes vorbeifahrendes Zuggeräusch alles übertönt.

René Pollesch ist kein Goldgräber nach der Katharsis und bildet sich nichts ein zur Bedeutungshoheit von Bühne- und Filmformaten. Er bürstet mit Vorliebe gegen den Strich und kratzt mit einem Schmutzrand-Fingernagel am kategorischen Imperativ. Das gefällt den einen. Missfällt den andern. Der theater- affine alt Bundesrat L. – meist zugegen an Premieren des Schauspielhauses Zürich – konnte seinen Handflächen, die er gegeneinander rieb, als wär’s ihm kalt, kein Klatschen abringen. Der dennoch grosse Applaus galt dem hervorragenden Ensemble. Allen voraus der grossen Sophie Rois. Sie gehörte lange Jahre zum Ensemble von Frank Castorf an der Volksbühne Berlin. Letztes Jahr, als der umstrittene Chris Dercon die Intendanz übernahm, verliess sie die Volksbühne.

Brigitte Schmid-Gugler

Weitere Aufführungen unter www.schauspielhaus.ch

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