PREMIERE: Ein Neonazi wird zum Gutmenschen

Im Theater St. Gallen gibt es die grossartig-makabre Komödie «Adams Äpfel» als verstörende Parabel und gleichzeitig sehr unterhaltsame Satire zu sehen. Am Samstag war Premiere im Grossen Haus – und das Publikum verständlicherweise begeistert.

Hansruedi Kugler
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«Gott will dir nicht helfen, Ivan. Der will dich töten», schreit Neonazi Adam (Christian Hettkamp) den ramponierten Resozialisierungspfarrer Ivan (Oliver Losehand) an und drückt ihm zum Beweis die Bibel mit der Hiob-Geschichte an die Brust. (Bild: Jos Schmid)

«Gott will dir nicht helfen, Ivan. Der will dich töten», schreit Neonazi Adam (Christian Hettkamp) den ramponierten Resozialisierungspfarrer Ivan (Oliver Losehand) an und drückt ihm zum Beweis die Bibel mit der Hiob-Geschichte an die Brust. (Bild: Jos Schmid)

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler

@tagblatt.ch

Der Mann hat einen Knall, das macht schon sein Look klar: Ledersandalen, grüne Kniesocken, blaue Shorts, weisses Shirt – zum Schreien. Und dann säuselt er mit erleuchtetem Lächeln ins Publikum: «Liebe Schwestern, liebe Brüder, die Gemeinschaft geht uns ja in dieser Zeit verloren, lasst uns im Takt mit den Fingern schnippen!» Das funktioniert bestens, das Publikum ist gelockert – und kann sich gefasst machen auf bizarre Komik, bei der einem das Lachen im Halse stecken bleiben müsste. Mit dieser beschwingten Gastfreundschaft mit Gospelgesang und übertriebener Fröhlichkeit lacht Ivan alle Probleme weg, bis er seine krassen Lebenslügen nicht mehr verdrängen kann. In der Inszenierung von Jenke Nordalm wird der Abend so verstörend und schockierend wie grossartig unterhaltsam. Da ist drin: Gutmenschendrama, brutale biblische Parabel, Musical, Klamauk, Satire, bittere Zeitkritik, Familiendesaster, Blitz und Donner, blutige Schlägereien und Maschinen­pistolen-Geknatter, Tod, Bekehrung, Taufe und Wunderheilungen. Alles vor und auf einer Drehbühne, auf der sich eine Kirche mal von innen mit WG-Wohnzimmer mit Fernseher und Küche, mal von aussen mit Friedhof, Sterbebett und düsterem Apfelbaum prächtig bespielen lässt. Grosses Kino also, hätte man am liebsten gesagt. Das Stück ist nach der Kinovorlage aus dem Jahr 2005 inszeniert, über weite Strecken fast wörtlich, aber wie gesagt: Grausam unterhaltend.

«Die Idioten sind keinen Schritt weiter!»

Oliver Losehand spielt den Resozialisierungspfarrer Ivan zunächst agil und smart, eigentlich ein sympathischer Typ. Seine Beschwörung der Gemeinschaft ist natürlich ein grotesker Witz: «Die Idioten sind keinen Schritt weiter, du machst dich lächerlich», schreit Neuzuzüger Adam, der wortkarge, mürrische Neonazi, Ivan an. Und meint die anderen beiden Straftäter auf Be­währung: «Fettwanst» Gunnar ­(Matthias Albold), Kleptomane, Alkoholiker, gescheitertes Tennistalent, Vergewaltiger, der Tennis glotzt und kalauert: «Sabatini, da sabbert jeder Teenie.» Und Khalid (Kay Kysela), nervöser arabischer Tankstellenräuber, der mit Munitionsweste im Gottesdienst sitzt. Solch makabre Gags gibt es an diesem Abend zuhauf. Sie sorgen für entlastende Lacher. Sogar dann, als Ivan zum Hitler-Porträt in Adams Zimmer sagt: «Wer ist dieser gut aussehende Mann? Etwa Dein Vater?»

Der hochgewachsene Christian Hettkamp ist mit blondem Seitenscheitel und auf die Stirn tätowiertem «Mein Kampf» die Karikatur eines Vorzeige-Ariers. Sein sarkastisches Therapieziel: Apfelkuchen backen. Nur werden ihm die Äpfel von Krähen gefressen, von Würmern durchbohrt, vom Blitz verbrannt (Teufels Werk oder Gottes Vorsicht?). Am Ende bleibt ihm ein Apfel (vom Baum der Erkenntnis, möchte man ihm zurufen). Mit ihm backt er für den von ihm verachteten und verprügelten Ivan einen ­Apfelkuchen und Oh Wunder, Neonazi Adam wird selbst zum säuselnden Gutmenschen. Und tauscht seine Brutalo-Ideologie mit Wunderheiler-Ideologie.

Der Gutmensch Ivan ist ein Wiedergänger von Hiob

Wer das für unrealistisch hält, dem ist das riesige Auge (Gott oder Teufel) im Bühnenbild entgangen; der sollte die ebenfalls bizarre biblische Hiob-Geschichte nachlesen. Ivans Leidensgeschichte ist Hiob, dem Gott alles nahm, um ihn zu prüfen, nachgezeichnet. Damit nicht genug: Ein alter KZ-Scherge (Hansjürg Müller) krepiert, der Angst vor der Hölle hat und dem Ivan mit seinem Vergebungswahn auf den Wecker geht; der Aufklärer Doktor Kolberg (Marcus Schäfer) hängt an einer Infusion; zwei herrlich doofe Neonazis (Dimitri Stauffer, Hansjörg Müller) werden von Khalid angeschossen («Ich hab Stress, Mann»); die schwangere Alkoholikerin Sarah ringt mit einer Abtreibung. Eine knallig-hinterlistige Offenbarungs-Revue. Vielleicht nichts für zu zarte Gemüter.

Hinweis

Nächste Vorstellung: Di, 19.30 Uhr.