PREMIERE: Ein gar braves Fräulein Stark

Das Theater St. Gallen versetzt «Fräulein Stark» ins Hörspielstudio. Ein akustisches Vergnügen und eine temporeiche Nacherzählung von Thomas Hürlimanns Novelle. Allerdings bleibt der Abend allzu braver Klamauk.

Hansruedi Kugler
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Fräulein Stark (Maja Stolle) wird den Buben (Fabian Müller) gleich an den Ohren ziehen. (Bild: Theater St. Gallen/Jos Schmid)

Fräulein Stark (Maja Stolle) wird den Buben (Fabian Müller) gleich an den Ohren ziehen. (Bild: Theater St. Gallen/Jos Schmid)

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler@tagblatt.ch

Hereinspaziert ins riesige Hörspielstudio! In der Lokremise schaut man den Proben für «Fräulein Stark» zu. Soundcheck, letzte Mikrofontests, mittendrin Schauspieler, Regie und Tontechniker – sie plappern angespannt durcheinander. Der 250 Jahre alte Holzboden der Stiftsbibliothek knarrt bei jedem Schritt, die Löffelchen kratzen synchron in den leeren Kaffeetassen, dass es einem in den Ohren wehtut. Alles vom Computer eingespielt oder über die Mikrofone verstärkt. Dann dröhnt ein pathetischer Orgelsturm und braust ein wütender Wind durch die Halle, und wenn die eingenickten Empfangsdiener aufwachen, tönt ihr Kopfheben wie das Quietschen einer uralten, gespenstischen Holztüre. Was für ein herrliches akustisches Vergnügen wird uns hier geboten (Sounddesign: Jonas Knecht)!

Wunderbar die Idee, Thomas Hürlimanns bildstarke, sinnliche Sprache, sein szenisches Talent und seinen humoristischen bis klamaukigen Ton als Hörspiel zu inszenieren (Regie: Georg Scharegg). Das ist ein geradezu barockes Vergnügen, eine hübsche Hommage an den Sprachkünstler Hürlimann, der vor 16 Jahren mit seiner Novelle der Stiftsbibliothek jenes üppig-barocke Leben eingehaucht hat, welches dem Gebäude eigentlich angemessen wäre – zumindest in der Fantasie.

Verschenkte Chance öffentlicher Erregung

Denn der ehemalige Stiftsbibliothekar und Hürlimann-Onkel erachtete das Buch damals als persönliche Beleidigung: Kein Wunder, denn Hürlimann schildert den Stiftsbibliothekar als eitlen, versoffenen, aber blitzgescheiten Pantoffelhelden, der am liebsten in sündhaft teuren Luxusroben herumschwebte. Und das Fräulein Stark in der Novelle hiess auch im richtigen Leben Stark. Die damalige Aufregung blitzt in der Lokremise nur kurz auf, als der Stiftsbibliothekar (Hans Jürg Müller) aus der Rolle fällt und dem Autor Hürlimann die Leviten liest: «Sexuelle Probleme mit den Filzpantoffeln hatte keiner, ausser Dir. Thomas, Du bist ein verwöhntes Muttersöhnchen.» Über weite Strecken aber wird die Novelle zwar akustisch wunderbar, hingegen inhaltlich brav nachgespielt. Das ist dann doch ziemlich schade. Die Inszenierung verschenkt damit das Potenzial öffentlicher Erregung. Denn dem St. Galler Publikum ist die Novelle ja weitgehend bekannt. Aber Hürlimanns freche Plünderei seiner Verwandtschaft, das Pubertäre seiner Schriftstellerei, die von ihm erwähnten Nazis in der St. Galler Stadtgeschichte, die aufdringlich-ordinären antisemitischen Klischees in der Novelle, das elitäre Latein-Getue in der Stiftsbibliothek – da hätten die Schauspieler im Hörspielstudio ein paar Giftpfeile abschiessen, ein paar Debatten führen müssen. Darauf hat man hier leider verzichtet. Deshalb wird diese Inszenierung, so überzeugend sie im Sinnlichen, Verspielten ist, kaum Diskussionen auslösen.

Akustisch und szenisch ein grosses Vergnügen

Dieser Einwand soll das akustische und szenische Vergnügen des Abends nicht kleinreden. Hürlimanns Novelle wird straff nacherzählt. Der kurze Sommer des Buben als Pantoffel-Minis­trant, der den Damen unter die Röcke schielt – sein sexuelles Erweckungserlebnis; die Sauftouren des Bibliothekars; selbstgefällige Bibliotheksbesucher; die jüdischen Wurzeln des Buben, welche das Fräulein ihm nach und nach enthüllt («es liegt halt im Blut»); die Bücherverehrung «Nomina ante res» (die Wörter sind vor den Dingen da); am Ende schwatzt das Fräulein Stark dem Stiftsbibliothekar sogar noch den Kiosk am Eingang zur Bibliothek ab.

Das alles ist präzis und komödiantisch ausgebreitet: Die pubertäre Faszination für die Damenbeine bei der Pantoffelübergabe ist schon zu Beginn forciert euphorisch, das resolute Fräulein Stark (Maja Stolle) zieht den «sündigen» Bub (in doppelter Ausführung: Fabian Müller und Anna Blumer) so kräftig an den Ohren, dass sie in die Knie gehen, der Tontechniker (Matthias Albold) stapft in Lederkluft durchs Studio – und Dorothea Gilgen, die zuverlässige Souffleuse des Theaters, kommt zu drei kurzen solistischen Gesangseinlagen. Hürlimanns Stiftsbibliothekar würde dazu sagen: Bene sit tibi cena, also: Guten Appetit!

Nächste Aufführung: Mi, 20 Uhr