PREMIERE: «Das Böse existiert für Ivan gar nicht»

Das Theater St. Gallen würzt die grossartige, makabre Komödie «Adams Äpfel» mit viel Witz und Tempo. Beim Duell zwischen dem verdatterten Neonazi und dem fanatischen Gutmenschen geriet das Publikum vor hinterlistigem Vergnügen ganz aus dem Häuschen.

Hansruedi Kugler
Drucken
Teilen

«Liebe Schwestern, liebe Brüder, lasst uns im Takt mit den Fingern schnippen!» Mit der Publikums-begrüssung lädt der Resozialisierungspfarrer Ivan in seine Kirche ein. Einigen von uns hat er an der Tür zum Parkett höchstpersönlich die Hand geschüttelt. Hier herrscht eine beschwingte Gastfreundschaft, so wie man sie in Freikirchen kennt: Mit Gospelmusik und übertriebener Fröhlichkeit, die alle Sorgen und Probleme weglacht und wegsingt. Es ist die schrille Show von Oliver Losehand als gutgelaunter Ivan: «Hier bilden wir eine Gemeinschaft.» Das ist ein makabrer Witz, der alsbald in blutige Schlägereien, Schreianfälle und jede Menge grotesken Humor übergeht: Denn die ihm anvertrauten Schäflein, der Kleptomane und Vergewaltiger Gunnar (Matthias Albold) und der Tankstellenräuber Khaled (Kay Kysela), sind auch nach Jahren keinen Schritt weiter in ihrer Resozialisierung. Sie räkeln sich vor dem Fernseher und prügeln sich auf der Drehbühne, auf der die Kirchenruine mal mit Apfelbaum von aussen, mal als Wohnzimmer von innen zu sehen ist. «Mann, sieht der Scheisse aus», ruft Khaled zum Neuen, dem Neonazi Adam (Christian Hettkamp), der wie die anderen auf Bewährung aus dem Knast ist: Kampfstiefel, auf der Stirn steht tätowiert «Mein Kampf». Adam hängt als Erstes ein Porträtfoto von Adolf Hitler in seinem Zimmer auf und erntet raunendes Lachen im ­Publikum. Mit der Drehbühne kommt Schwung ins Spiel. Den makabren, grenzensprengenden Witz reizt die Inszenierung prächtig aus. Wenn das Publikum im Kollektiv darüber lacht, wenn Khaled einem Neonazi ins Bein, einem anderen in die Schulter schiesst («Ich hab Stress, Mann»), muss an der Inszenierung etwas Geniales gelungen sein. Dann ist die Moral ganz schön durchgeschüttelt worden. Die Inszenierung hält sich praktisch Wort für Wort an die grossartige Filmvorlage aus dem Jahr 2005. Ivan, der seine Lebenskatastrophen verdrängen muss, um weiterleben zu können, ist in seiner Groteske rührend. Dass es sich dabei um eine makabre zeitgenössische Moralkomödie mit biblischem Hiob-Motiv handelt, ist nach ­diesem aufwühlenden und gleichzeitig sehr unterhaltsamen Abend klar geworden.

Hansruedi Kugler

Hinweis

Nächste Vorstellung Di, 19.30 Uhr