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Premiere am Theater St.Gallen: Karikatur des Boulevardtheaters

Ist der Wahnsinn hinter der Bühne derselbe wie auf der Bühne? Am Freitag stand fast das ganze Schauspielensemble des Theaters St. Gallen auf der Grossen Bühne. «Der nackte Wahnsinn» ist eine rasante Komödie und ein schriller Blick hinter die Kulissen eines Boulevardtheaters.
Hansruedi Kugler
Eifersuchtswahnsinn hinter der Bühne: Dotty (im Morgenmantel Birgit Bücker) nimmt Frederick (Marcus Schäfer) die Axt ab. (Bilder: Sebastian Hoppe)

Eifersuchtswahnsinn hinter der Bühne: Dotty (im Morgenmantel Birgit Bücker) nimmt Frederick (Marcus Schäfer) die Axt ab. (Bilder: Sebastian Hoppe)

Da kommt er zu spät zur Probe und fragt beschwipst: «Is’ hier ‘ne Party?» Hat er natürlich völlig recht: Was Selsdon an der Generalprobe antrifft, ist eher ein schrilles Chaos als eine konzen­trierte Arbeit. Bruno Riedl spielt den heruntergekommenen Einbrecher in der Boulevardklamotte «Nackte Tatsachen» und gleichzeitig den desorientierten Alkoholiker und Schauspieler Selsdon in Michael Frayns Stück «Der nackte Wahnsinn» – und macht aus ihm eine anrührende Komödienfigur: Wie ein bekiffter Melancholiker schlurft Riedl durch die Szenerie und sagt als trauriger Clown ein paar Kernsätze des Stücks: «Wenn ich daran denke, dass ich Tresore geknackt habe. Und was mache ich jetzt? Ich brech’ in Pappmaché ein.» Damit trifft er die Situation dieser drittklassigen Theatertruppe exakt: Allesamt heruntergekommen, gezwungen, in einem ebenso drittklassigen Stück zu spielen.

Einbrecher Selsdon (rechts Bruno Riedl) bringt Regisseur Lloyd (Matthias Albold) in Rage.

Einbrecher Selsdon (rechts Bruno Riedl) bringt Regisseur Lloyd (Matthias Albold) in Rage.

Diese Karikatur auf das Boulevard ist nie bösartig

Riedl bringt das Publikum mühelos zum Lachen und man kann sich an solchen Sätzen festhalten. Wenn man denn diesem Stück überhaupt eine Tiefe und Ernsthaftigkeit geben will. «Der nackte Wahnsinn», der Komödienklassiker aus dem Jahr 1982, zeigt sich in Martin Pfaffs rasanter Inszenierung als schrille Karikatur auf das Genre. Eine Karikatur, die aber nie bösartig wird, sondern den Trash dieses Genres als Slapstick-Varieté präsentiert. Zum grossen Vergnügen des Publikums, das dem Stück über weite Strecken atemlos ausgeliefert ist. Aufgepasst! Dieses Stück ist wahnsinnig verschachtelt. So richtig lustig wird das Ganze im dritten Akt, wenn Requisiten und Figuren endgültig demoliert sind.

Mal auf, mal hinter, dann wieder auf der Bühne

Seit 1982 hundertfach gespielt, bewundert man, wie die Schauspieler so ein rasantes Doppelspiel meistern.

Generalprobe: Die schusselige Haushälterin Dotty (Birgit Bücker) und Garry (Christian Hettkamp), der nicht so recht weiss, wohin mit Karton und Tasche.

Generalprobe: Die schusselige Haushälterin Dotty (Birgit Bücker) und Garry (Christian Hettkamp), der nicht so recht weiss, wohin mit Karton und Tasche.

Erster Akt: Generalprobe, an der nichts klappt und wo sichtbar wird: Schauspieler können weinerlich, begriffsstutzig, schusselig, aber auch mitfühlend und solidarisch sein. Zweiter Akt, das Bühnenbild dreht um 180 Grad: Vier Wochen nach der Premiere schaut man der Keiferei hinter der Bühne zu, während die Schauspieler ständig auf die Bühne und wieder durch die sieben Türen zurück hinter die Bühne hetzen und dort («Ruhe bitte!») eine herrliche Parade an Stummfilmslapsticks zeigen: Eine Axt wird geschwungen, Blumen fliegen herum, Kollegen werden sabotiert – denn die Affären des Regisseurs sind aufgeflogen.

Zweiter Akt: Brooke (Anja Tobler) muss sich beruhigen. Gleich wird sie davonlaufen - aus Rache am Regisseur. n

Zweiter Akt: Brooke (Anja Tobler) muss sich beruhigen. Gleich wird sie davonlaufen - aus Rache am Regisseur. n

Dritter Akt, Bühnenbild wieder von vorne: Der private Kleinkrieg landet auf der Bühne – da muss bis ins Absurde improvisiert werden. Dann sitzen da plötzlich drei Einbrecher auf dem Sofa.

Die Schiessbudenfiguren schliesst man ins Herz

Dass das Publikum und die Schauspieler den Überblick nicht verlieren, ist schon eine Leistung. Die Spielfreude des St. Galler Ensembles, das in grosser Besetzung mitwirkt, bereitet als schrille Ironie Vergnügen. In diesem Stück dürfen sie so spielen wie im Schmierentheater: gestelzte Sprache, peinlich übertriebene Gestik. Man schliesst diese Schiessbudenfiguren ins Herz: Neben dem Einbrecher Selsdon besonders die schusselige Hausangestellte Dotty im Morgenrock (Birgit Bücker) – denn schliesslich hat Dotty die ganze Tournee finanziert! Wenn sie den Regisseur (Matthias Albold) treuherzig fragt, ob ihr Text gut sei, verdreht er die Augen und sagt resigniert: «Hier und da kam er mir bekannt vor.» Kein Wunder: nach nur zwei Wochen Proben! In St. Gallen wurde eindeutig länger geprobt, die Komödienmechanik läuft perfekt.

Vorstellungen bis 23.5., Grosses Haus, Theater St. Gallen.

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