Praktisch, haltbar, billig und schön

Das Bauhaus wollte die ganze Gesellschaft gestalten. Wie aktuell dieser Anspruch ist, zeigt eine Ausstellung im Vitra Design Museum.

Christina Genova
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Wilhelm Wagenfelds Tischlampe und Marcel Breuers Wassily-Sessel sind zwei am Bauhaus entworfene Designklassiker, die bis heute erfolgreich verkauft werden (Bilder). Sie dürfen in der Ausstellung «Das Bauhaus. Alles ist Design» im Vitra Design Museum in Weil am Rhein nicht fehlen. Doch Kuratorin Jolanthe Kugler zeigt in der Ausstellung über das Design des Bauhauses nicht nur Ikonen, sondern veranschaulicht, wie umfassend der Designbegriff des Bauhauses war. Die dort ausgebildeten Designer wollten nicht nur Produkte entwerfen, sondern auch Gebäude, Städte und Lebensformen: «Die ganze Gesellschaft sollte gestaltet werden», sagt Jolanthe Kugler. Alles, so war die Meinung, sei gestaltbar, und somit alles «Design».

Möbel für alle

Damit steht das Bauhaus am Anfang eines Designverständnisses, wie es heute erneut diskutiert wird und gewinnt dadurch neue Aktualität. Wie kann der Designer seine Arbeit in einen grösseren Zusammenhang stellen und so die Gesellschaft mitgestalten? Denkanstösse dazu liefert die Ausstellung gleich im ersten Raum. Dort ist der Hocker «Edie» ausgestellt, ein Entwurf der Designer David und Joni Steiner von 2013. Die Bauanleitung dazu kann man auf der Website www.opendesk.cc kostenlos herunterladen. So wie damals zu Bauhauszeiten Meister, Gesellen und Lehrlinge gemeinsam und gleichberechtigt im kollektiven Prozess an zeitgemässen Entwürfen arbeiteten, so sind heute Designer aus aller Welt eingeladen, den Hocker weiterzuentwickeln und die globale Designgemeinde daran teilhaben zu lassen. Dank solcher Open-Source-Anleitungen lässt sich gutes Design lokal und damit ressourcensparend produzieren. Dass sich heutige Gestalter immer noch gerne vom Bauhaus inspirieren lassen, zeigen die dunkelgrauen Möbel der Serie «Pipe», die der Designer Konstantin Grcic 2009 für Muji entworfen hat. Sie haben eindeutig die Stahlrohrmöbel Marcel Breuers zum Vorbild.

Handwerker und Künstler

Um für ihre umfassenden Aufgaben gerüstet zu sein, erhielten die am «Staatlichen Bauhaus in Weimar» ausgebildeten Gestalter eine umfassende künstlerische und handwerkliche Ausbildung. 1919 nahm man den Unterricht auf, 1925 erfolgte der Umzug nach Dessau. Und mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten war es 1933 dann auch schon vorbei – die Schule wurde geschlossen. Trotz seiner kurzen Existenz wurde das Bauhaus zur einflussreichsten Kunst– und Gestaltungshochschule des 20. Jahrhunderts.

Industriell hergestellte Produkte waren damals meist qualitativ minderwertig. Das wollte Walter Gropius, der erste Direktor des Bauhauses, ändern. Seine Ansprüche an einen Alltagsgegenstand formulierte er folgendermassen: «Er soll seinem Zweck dienen, das heisst, seine Funktionen praktisch erfüllen, haltbar, billig und <schön> sein.» Damit wollte man eine gerechte Gestaltung des Lebens nicht nur der Wohlhabenden, sondern eines jeden einzelnen erreichen. Dass dies einfacher gesagt als getan war, wird in der Ausstellung anhand zahlreicher Beispiele illustriert. In der Metallwerkstatt wurden Aschenbecher und Teedosen aus Silber oder Teegläser mit Griffen aus Ebenholz hergestellt. Solche Kleinobjekte konnten sich nur wenige leisten und waren als Vorlagen für die damalige Industrie wenig geeignet. Für die Zeitlosigkeit der damaligen Entwürfe spricht, dass einige davon heute erfolgreich von Alessi produziert werden. Zu den erfolgreichsten Bauhaus-Produkten gehörte Spielzeug wie zum Beispiel das Schiffbauspiel von Alma Buscher (Bild).

Statussymbol Bauhaus

Dass Bauhaus-Ikonen mehr sind als blosse Gebrauchsgegenstände, wird anhand Wilhelm Wagenfelds berühmter Lampe deutlich gemacht. Wegen des kleinen Lichtkegels war sie nicht als Arbeitsleuchte geeignet, obwohl sie so beworben wurde. Sie ist vielmehr bis heute eine Symbol, ein Bekenntnis zur Bauhausidee und zur Idee der guten Form: «Wer sie aufstellt, signalisiert: Ich bin bürgerlich, gebildet und design-affin», sagt Jolanthe Kugler mit süffisantem Unterton. In die industrielle Serienproduktion gingen vor allem Modelle ehemaliger Bauhäusler. Diese Objekte waren es, welche die neue Formensprache des Bauhauses und seiner Ästhetik einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machten und weniger die heute als Ikonen und Statussymbole gehandelten Entwürfe. Dazu gehört Wilhelm Wagenfelds Kubusgeschirr aus Glas, ein Vorläufer der Tupperware, oder sein Teeservice, das bis heute von der Firma Bodum produziert wird.

Bis 28.2.2016. Ein Katalog ist erhältlich.