Präzise und leicht

Felix Lehner von der Kunstgiesserei im Sittertal erinnert sich an den am Freitag verstorbenen Künstler David Weiss.

Christina Genova
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David Weiss 2006 in der Kunstbibliothek im Sitterwerk St. Gallen, im Hintergrund Peter Fischli. (Bild: Katalin Deér)

David Weiss 2006 in der Kunstbibliothek im Sitterwerk St. Gallen, im Hintergrund Peter Fischli. (Bild: Katalin Deér)

«Es war wunderbar, mit David Weiss zu arbeiten.» Immer, wenn Felix Lehner, der Leiter der St. Galler Kunstgiesserei über die Zusammenarbeit mit David Weiss und Peter Fischli spricht, leuchtet sein Gesicht auf: «Mitzuerleben, wie er und Peter Fischli in die scheinbar banalsten Details eine riesige Sorgfalt steckten, war ein grosses Vergnügen.» Nur selten habe er bei Künstlern eine derartige Ernsthaftigkeit und Präzision bei der Arbeit gepaart mit solch grosser Leichtigkeit angetroffen. Vergangenen Freitag ist David Weiss in Zürich im Alter von 65 Jahren gestorben. Zusammen mit dem sechs Jahre jüngeren Peter Fischli gehörte er als Künstlerduo Fischli/Weiss zu den international bekanntesten und erfolgreichsten Schweizer Künstlern. Den internationalen Durchbruch schafften die beiden 1987 an der documenta 8 in Kassel mit dem Film «Der Lauf der Dinge», 2003 gewannen sie an der Biennale in Venedig den goldenen Löwen.

Sie scheuten die Öffentlichkeit

Das «manager magazin» führt sie in der aktuellen Rangliste der 100 weltweit besten, sprich als Investition geeignetsten Künstler auf Rang 26 auf, bei der Schweizer Zeitschrift «Bilanz» landeten sie gar auf Platz eins. Es ist anzunehmen, dass solche Ratings David Weiss und Peter Fischli herzlich wenig interessierten. In der Öffentlichkeit zu stehen, das war nicht ihre Sache. Es gibt nur wenige Bilder, worauf beide Künstler zu sehen sind, auch Interviews gewährten sie höchst selten. Felix Lehner erinnert sich an die erste Zusammenarbeit zwischen der Kunstgiesserei und dem Künstlerduo. Sie begann Mitte der 1990er-Jahre, als man für sie einen Abguss eines Ikea-Badezimmerschränkchens anfertigte. Es gehörte zu einer 1986 begonnenen Serie von Skulpturen aus zäher, schwarzer Gummimasse, wie man sie sonst für Autoreifen verwendet. Unter anderem hätten sie darüber diskutiert, wie schwarz die schwarze Gummimasse sein solle und wie man die für Ikea-Möbel typischen Pavatex-Rückwände wohl am besten abbilde. Scheinbare Nebensächlichkeiten, so Lehner, wurden auf höchstem Niveau verhandelt: «Ein Schränkchen, wie es damals wohl jeder Zweite ins seinem Badezimmer stehen hatte, wurde zu etwas wie einem Gralsschrein.»

St. Galler Bezüge

Dieses Vorgehen gehörte zu den künstlerischen Strategien von Fischli/Weiss. Indem sie Gegenstände, die zum Inventar des alltäglichen Lebens gehören, ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückten, stellten sie die damit verbundenen Wertvorstellungen zur Diskussion.

Schon lange bevor die Verbindung zur Kunstgiesserei im Sitterwerk begann, gibt es Bezüge des Künstlerduos zu St. Gallen. Eine der ersten gemeinsamen Ausstellungen von Fischli/Weiss fand 1982 in der «St. Galerie» des Künstlers Josef Felix Müller statt. Dort haben die beiden Künstler laut Müller auch die ersten Skulpturen aus dem leichtgewichtigen und gut schnitzbaren Schaumstoff Polyurethan ausgestellt, ein Material, das sie noch oft verwenden sollten. 1991 nahmen sie teil an der legendären Ausstellung «World Soup» in der Küche des heute bekannten Kurators Hans-Ulrich Obrist, 2001 und 2002 waren sie an Gruppenausstellungen der Sammlung Hauser und Wirth in der Lokremise vertreten. Ihre erste gemeinsame Arbeit, die «Wurstserie» von 1979 war kürzlich im Kunstmuseum St. Gallen im Rahmen der Ausstellung «Through the Looking Brain» zu sehen.

Für die «Wurstserie», die heute zu ihren bekanntesten Arbeiten zählt, haben sie berühmte historische Ereignisse und alltägliche Begebenheiten mit Gegenständen, wie man sie in jedem Haushalt findet, nachgestellt und fotografiert. Bei einem «Unfall» sind die Autos Cervelats und die Gaffer Zigarettenstummel; der Untergang der Titanic findet in der Badewanne mit einer Plastikflasche als Schiff und Styroporplatten als Eis statt.

Tiefgründig und subversiv

Häufig werde die «Wurstserie» als Beispiel für den Humor in der Kunst von Fischli/Weiss herangezogen, doch solche Aussagen griffen zu kurz, meint Felix Lehner: «Typisch für die Arbeiten von Fischli/Weiss ist deren Tiefgründigkeit und Melancholie. Ihre Kunst hat immer auch etwas Subversives.» Im Moment werden in der Kunstgiesserei mehrere Arbeiten für das Künstlerduo produziert, unter anderem Röhren, Wände und Ecken, wie man sie an der letztjährigen Biennale in Venedig gesehen hat, doch diesmal nicht aus Lehm sondern aus schwarzem Gummi.

Der grüssende Bär

Wie aber wird es weitergehen, kann der Fischli auch ohne den Weiss? «Diese Frage stellt sich mir so nicht», meint Felix Lehner. «Den beiden war nie wichtig, wer was produziert hat.» Seit dem Beginn ihrer Zusammenarbeit 1979 gaben Fischli/Weiss nicht preis, von wem welche Arbeit stammte, so entwickelte sich darum ein Mythos. Das Kürzel Fischli/Weiss hätten die beiden laut Lehner nicht sehr gemocht und deshalb immer auf die Bezeichnung Peter Fischli und David Weiss bestanden.

Für ihren ersten Film «Der geringste Widerstand» von 1980/81 schlüpften die beiden Künstler in die Kostüme einer Ratte und eines Bären. Wer in welchem Kostüm steckte, gaben sie offiziell nie bekannt. Aus den beiden Tierfiguren bauten sie für eine Ausstellung 2009 in Madrid ein Mobile, dessen Konstruktion sie im Projektatelier im Sitterwerk gemeinsam mit den Kunstgiessern entwickelten. Felix Lehner fotografierte dabei den Bären, wie er zwischen Himmel und Erde schwebt und lächelnd die Hand zum Gruss erhebt.

«Der Bär» schwebt als Mobile zwischen Himmel und Erde. (Bild: Felix Lehner)

«Der Bär» schwebt als Mobile zwischen Himmel und Erde. (Bild: Felix Lehner)

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