Filmisches Porträt eines Ausgebufften

Gus van Sant hat das Leben des amerikanischen Cartoonisten John Callahan als unbeschönigt-furiose Biografie auf Leinwand gepackt. Mit dem brillanten Joaquin Phoenix.

Irene Genhart
Drucken
Teilen

Behinderte im Film sind meist Sympathieträger, Süchtige bemitleidenswert: Es gibt im filmischen Erzählen einige Unabdingbarkeiten und ungeschriebene Regeln. Zu letzteren gehört auch, dass man keine Witze über Randständige und Behinderte macht. Diese Regel gilt auch im wirklichen Leben, und sie entschärft sich, wenn der Witzereisser – so wie John Callahan in «Don’t Worry» – ein Betroffener ist: Der 1951 in Portland geborene, 2010 verstorbene Amerikaner sass wegen eines Unfalls ab seinem 21. Lebensjahr im Rollstuhl. Was ihn nicht hinderte, haufenweise makabre Cartoons über Menschen mit körperlichen Unzulänglichkeiten anzufertigen.

Eines seiner harmloseren Werke zeigt drei Sheriffs zu Pferd, die in einer Wüste neben einem leeren Rollstuhl stehen. Der dazugehörige Kommentar lautet: «Don’t worry, he won’t get far on foot.» («Keine Angst, er kommt zu Fuss nicht weit.») Unter ebendiesem Titel hat Callahan in den 1980ern eine Autobiografie geschrieben, auf der basierend Gus Van Sant nun ein Biopic über ihn gefertigt hat.

In fuseligem Alkoholdelirium

Auch dieser Film titelt original «Don’t Worry, He Won’t Get Far on Foot». Hierzulande aber kommt er unter dem einiges unbeschwerteren «Don’t Worry» ins Kino: eine faszinierende Geschichte eines Mannes, der ungefähr die Hälfte seines Lebens in fuseligem Alkoholdelirium und weinerlichem Selbstmitleid zerfliesst, bevor er sich mit Hilfe seines Zeichenstifts und eines AA-Gurus aus dem Sumpf zieht.

Gus van Sant lotet in seinen meist aufregenden Filmen immer gern Grenzen aus. In «Don’t Worry» zeigt er in einer frühen Szene des Films, wie Callahan relativ spät in seinem Leben in einem Rollstuhl in höllischem Tempo durch ein Vorortsquartier rast, bis ein Randstein ihn ausbremst. Ein paar vorbeisausende Skater-Kids packen ihn zurück in den Rollstuhl. «Puh, das stinkt», kommentieren sie unverbrämt den ausgelaufenen Urinbeutel, finden für Callahans Zeichnungen dann gleichwohl anerkennende Jugendsprachworte. Es sind solche in tiefer Ehrlichkeit fussende Szenen, die «Don’t Worry» gross machen. Es gibt andere, die sich in Erinnerung schreiben. Das verkaterte Aufstehen an einem sonnigen Sommermorgen, das bedingt, dass man sofort zum nächsten Tankshop pilgert. Oder die Schwips-Heiterkeit, mit welcher Callahan im schrillen Hawaiihemd frühmorgens Strandnixen anmacht.

Joaquin Phoenix als John Callahan in «Don't worry».

Joaquin Phoenix als John Callahan in «Don't worry».

Der Entschluss, mit dem Trinken aufzuhören, kommt Jahre nach dem Unfall. Die Rolle des charismatischen Gurus, der seine Zöglinge mit Engelsgeduld durch das legendäre Zwölf-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker peitscht und Callahans Freund wird, spielt, herrlich gegen sein Image besetzt, Jonah Hill. «Don’t Worry» ist kein heiterer, bisweilen auch langwieriger Film, und was die puppenhafte Annu (Ronney Mara) an Callahan fasziniert, vermag sich nicht unbedingt zu erschliessen. Doch Liebe wächst, wohin sie fällt, und unterm Strich ist «Don’t Worry» einfach grosses Kino.