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PORTRÄT: Taubendreck für Filmkulisse

Susanne Jauch ist Ehrenpreisträgerin der Solothurner Filmtage – und seit 25 Jahren Szenenbildnerin. Sie schuf das Dekor für Filme wie «Vitus» und «Die letzte Pointe». Ein Filmberuf, der unterschätzt wird.
Dario Pollice

Dario Pollice

Susanne Jauch sitzt in einem Café im Zürcher Langstrassenquartier. Draussen ist es grau und regnerisch, vor ihr dampft ein Verveine-Tee. Sie redet mit unaufgeregter, ruhiger Stimme. «Ich bin froh, dass ich den Preis erhalte, aber vor allem bedeutet es mir persönlich viel, dass der Preis ans Szenenbild geht.»

Seit 2003 ehren die Solothurner Filmtage mit dem Prix d’honneur jährlich eine Persönlichkeit, die sich für die Schweizer Filmkultur verdient gemacht hat. Nach diversen Regisseuren und Kameramännern geht der Preis dieses Jahr erstmals an eine Szenenbildnerin.

Die gebürtige Zürcherin Susanne Jauch hat in ihrer 25-jährigen Karriere die Dekors für einige der zuschauerstärksten Schweizer Filme erschaffen, wie «Vitus» (2006) oder «Giulias Verschwinden» (2009). Ihre neuesten Werke, «Die letzte Pointe» von Regisseur Rolf Lyssy und die TV-Serie «Seitentriebe» von Güzin Kar, sind an den Filmtagen zu bewundern.

Metier nur wenig fassbar fürs Publikum

Susanne Jauch mutmasst, dass ihr Metier wohl nicht so fassbar sei für das breite Publikum: «Viele kennen eher die Regie, die Kamera, aber wissen nicht so genau, was wir machen.» Tatsächlich beeinflusst die Szenenbildnerin wesentlich das Aussehen eines Filmes. Sie beginnt ihre Arbeit meist Monate vor dem Rest des Filmstabs. Die ersten Schritte unternimmt Jauch bereits während der Lektüre des Drehbuchs: «Da entstehen erste Eindrücke und Bilder in meinem Kopf. Diese speichere ich dann bei mir ab, wie auf einer Festplatte.»

In der Schweiz wird selten in Studios gedreht, da es sehr aufwendig und kostspielig ist, ein Szenenbild nachzubauen. Jauch betreibt daher mit ihrem Team eine intensive Recherche nach geeigneten Motiven. Oft sind das Wohnungen, Hotelzimmer und andere Räumlichkeiten.

Wie diese Motive auszusehen haben, bespricht sie in enger Zusammenarbeit mit Regie und Kamera. Wenn Jauch ihre eigenen Ideen und Vorstellungen von ihrer Festplatte im Kopf abruft und vermittelt, greift sie oft auf sogenannte «Mood-Bilder» zurück, von ihr angefertigte Zeichnungen, Fotografien oder Filmaufnahmen. Muss sie eine bestimmte historische Epoche kreieren, lässt sie sich auch von Kunstbüchern inspirieren.

Allerdings dreht sich ein nicht zu unterschätzender Teil von Jauchs Arbeit um die Organisation und Budgetfragen: «Eine gute Organisation und Arbeitsaufteilung sind das A und O. Wenn ein Film in sechs Wochen abgedreht werden soll, dann muss alles reibungslos funktionieren, jede Minute zählt.» Sind alle gestalterischen Aspekte geklärt, beginnen Jauch und ihr Team – zwei bis drei Requisiteurinnen und ein Baubühnenmann – mit der eigentlichen Arbeit am Szenenbild. Es wird gehämmert, neu eingestrichen, Möbel und Requisiten werden herbeigetragen und, manchmal, Taubenmist in Dachstöcke geschaufelt: «Wir verwendeten eingefärbte Erde und Mehl, aber auch echten Taubenmist», erinnert sich Jauch schmunzelnd an ihre Arbeit im Film «Anna Göldin – letzte Hexe» im Jahr 1991.

Seit mittlerweile 25 Jahren ist Jauch für das Szenenbild in Schweizer Spielfilmen verantwortlich. Die gelernte Fotolaborantin wollte ursprünglich Standfotografin an Filmsets werden, merkte aber schnell, dass es nichts für sie sei: «Ich übernahm ja einfach Bilder von anderen.» Zunächst arbeitete sie für die Werbefotografie und TV-Spots, bis 1993 ihre erste Arbeit für eine Schweizer «Tatort»-Folge als verantwortliche Szenenbildnerin erfolgte.

Feste Grösse in der Schweizer Filmszene

In den nachfolgenden zwei Jahrzehnten arbeitete sie mit einigen der namhaftesten Schweizer Regisseure zusammen, die Jauch gleich mehrmals engagiert haben: Fredi M. Murer, Christoph Schaub und Markus Imhoof, um einige zu nennen. Für Letzteren reiste sie 1996 sogar nach Indien, wo der Regisseur «Flammen im Paradies» realisierte. Darin verarbeitet Imhoof die Geschichte seines Grossvaters, der eine Missionsstation in Indien Anfang des 20. Jahrhunderts führte. Der Film sei eine ziemliche Herausfor­derung gewesen, so Jauch. Der Regisseur verwarf sich mit dem ursprünglichen Szenenbildner und beauftragte kurzerhand Susanne Jauch, die völlig überrumpelt nach Indien flog und sich schnell in das fortgeschrittene Projekt einarbeiten musste. Die Strapazen hätten sich aber spätestens dann gelohnt, als Imhoof zum ersten Mal Jauchs nachgebaute Missionsstation betrat und ihr mit Tränen sagte: «Es ist, als ob mein Grossvater noch da wäre.»

Regisseure geben zum Teil nur ungern ihre Verantwortung an andere ab, das liegt gewissermassen in ihrer Natur als Chef auf dem Filmset. Doch Jauch besitzt ein einzigartiges Fingerspitzengefühl und gewinnt schnell das Vertrauen der Regisseure, selbst wenn sie das erste Mal für einen Filmemacher wie Rolf Lyssy und dessen neusten Spielfilm «Die letzte Pointe» arbeitet.

Als sich Lyssy und Jauch während der Vorbereitungsphase das Haus für die von Monica Gubser gespielte Hauptfigur von innen ansahen, sei der Regisseur von der Einrichtung des vormaligen Besitzers begeistert gewesen. «Er sagte mir: ‹Das kannst du gleich alles so belassen. Das ist irrsinnig, schau mal die düsteren Wände!›» Aber da gab es ein Problem: Die Einrichtung war ein stilistisches Durcheinander, das von den 1950er- bis in die 80er-Jahre reichte. Susanne Jauch fragte sich: «Ui, ui, ui, wie soll ich ihm beibringen, dass es so nicht klappt?» Nach und nach habe sie Zeichnungen angefertigt und dem Regisseur neue Vorschläge unterbreitet. Vielleicht könne man ja hier ein Möbel hinstellen und dort etwas anpassen, schlug sie vor. Schritt für Schritt habe sie herausgespürt, was der Regisseur wollte, und irgendwann liess er sie einfach machen. «Schlussendlich haben wir alles verändert, von der alten Einrichtung war fast nichts mehr übrig», erzählt sie lachend.

Der diesjährige Prix d’honneur für Susanne Jauch ist eine Würdigung eines Filmberufs, der oft unterschätzt wird. Durch die gestaltete Filmwelt der Szenenbildner können die Figuren erst richtig zum Leben erwachen und gewinnen an Tiefe. Dementsprechend spricht Jauch nicht von «dekorieren», sondern von «Spuren», die sie in den Räumen hinterlegt und so eine Biografie der Figur erschafft. «Ich sage immer: Das Dekor lebt!»

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