Porträt eines Getriebenen

Christina Genova
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Filmkritik Wer war Joseph Beuys? Ein Provokateur, der das Sekretariat der Kunstakademie Düsseldorf besetzte, weil er mit deren Aufnahmekriterien nicht einverstanden war. Und der daraufhin prompt entlassen wurde. Beuys war aber auch ein von Grund auf politisch denkender Mensch, der schon in den 1970ern die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens entwickelte. Regisseur Andres Veiel zeichnet in seinem Dokumentarfilm «Beuys» ein facettenreiches Bild des wohl einflussreichsten deutschen Künstlers des 20. Jahrhunderts. Beuys’ Lust an der Auseinandersetzung, der Witz und die Schlagfertigkeit, die er dabei an den Tag legte, offenbaren sich an seinen vielen öffentlichen Auftritten. Auch die Kehrseite davon, das pausenlos klingelnde Telefon, Beuys’ Erschöpfung und sein schwerer Herzinfarkt, werden nicht verschwiegen. Veiel lässt Beuys selbst zu Wort kommen – nur fünf Zeitzeugen werden befragt. Auf eine Einordnung seines Schaffens in die Kunstgeschichte und auf die Frage nach seiner Nachwirkung verzichtet der Regisseur. Der Film ist virtuos aus Archivmaterial zusammengeschnitten und kommt ganz ohne Kommentare aus. Er ist deshalb kein Crashkurs für Beuys-Einsteiger, sondern ein anspruchsvolles Porträt, das Lust darauf macht, sich eingehender mit dem rastlosen Künstler zu beschäftigen.

Christina Genova

christina.genova@tagblatt.ch

Zu sehen im Kinok St. Gallen und Cinema Luna, Frauenfeld