Interview

Popstar Alicia Keys setzt sich für Frauen, Schwarze und das Klima ein: «Ich werde weiter Druck machen auf die Regierung»

Weltstar Alicia Keys spricht über die Grossartigkeit von Frauen und erklärt, wie die Pandemie des Rassismus überwunden werden kann.

Steffen Rüth
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Alicia Keys: «Heute kann ich meine Triumphe umarmen.»

Alicia Keys: «Heute kann ich meine Triumphe umarmen.»

Bild: Sony Music

Sechs Monate nach dem ursprünglich geplanten Termin bringt Alicia Keys endlich ihr siebtes Album, «ALICIA», heraus. Wir unterhielten uns zweimal mit der 39-jährigen amerikanischen Sängerin, Songschreiberin, Pianistin und Aktivistin. Das erste Mal im Dezember 2019 in Los Angeles und noch einmal Mitte September am Telefon.

Wird sich Ihre Heimatstadt New York nach Corona wieder erholen?

Alicia Keys: Na klar, die Stadt ist ja schon längst dabei, wieder auf die Beine zu kommen. New York wird gut und effizient regiert, die Menschen halten zusammen. Überhaupt ist New York die widerstandsfähigste und zäheste Stadt der Welt. Ich bewundere die Menschen dort für ihre Stärke. New York wird sich niemals unterkriegen lassen.

Seit einem halben Jahr liegt wegen der Coronapandemie eine Art Schleier über der Welt. Wie sind Sie und Ihre Familie mit der Situation zurechtgekommen?

Anfangs habe ich mich unsicher, unwohl und verwirrt gefühlt. Ich wusste nicht, was passiert und was ich tun sollte. Nach einer Weile habe ich erkannt, dass diese erzwungene Verlangsamung auch eine Chance bedeutet. Ich habe noch nie so viel Zeit an einem Stück mit meinem Mann und mit unseren Kindern verbringen dürfen.

Die Optimistin

Alicia Keys – Popstar
Bild: Keystone

Alicia Keys – Popstar

Mit über 30 Millionen verkauften Alben weltweit und 15 Grammys gehört Alicia Keys zu den internationalen Superstars im Popgeschäft. Die amerikanische Sängerin und Musikerin betätigt sich zunehmend auch als politische Aktivistin.

Sie lebt mit ihrem Mann, dem Produzenten Swizz Beatz, und den Söhnen Egypt, 9, und Genesis, 5, in New York und bei Los Angeles. Ihr neues, siebtes Album strotzt vor Optimismus und Euphorie. Wie keiner anderen gelingt es ihr, die Wärme des klassischen Soul mit aktuellem R ’n’ B zu verbinden. (sk)

Alicia Keys: ALICIA (Sony).

Sie sind seit zehn Jahren mit dem Produzenten Swizz Beatz verheiratet. Konnten Sie noch neue Seiten an ihm entdecken?

Wir kennen uns wirklich in- und auswendig. Wir wissen aber auch, wie man sich aus dem Weg geht, bevor wir uns gegenseitig auf die Nerven gehen. Wir haben uns echt toll verstanden und auch unsere beiden Jungs noch besser kennen gelernt.

Swizz Beatz und Alicia Keys an den MTV Video Music Awards 2016.

Swizz Beatz und Alicia Keys an den MTV Video Music Awards 2016.

Bild: Jason Szenes/EPA

Steht Ihr Lied «Good Job», das von einer hart arbeitenden und sich aufopfernden Mutter handelt, in der Tradition Ihrer Frauen-­Power-Songs?

Ja, voll und ganz. Ich tendiere dazu, Songs zu kreieren, die über die Stärke von Frauen sprechen, die weibliche Kraft und Stärke preisen und ihr huldigen. Denn wir Frauen sind wirklich zu Übermenschlichem fähig, müssen es manchmal auch sein. Und gleichzeitig sind der Ausgleich und die Balance sehr wichtig.

Damit meine ich: Sich selbst zu umsorgen, positiv dir selbst gegenüber eingestellt zu sein, auf dich aufzupassen und dir auch einzugestehen, dass es nicht egoistisch, sondern okay ist, an dich selbst zu denken und einzig auf deine innere Stimme zu hören.

Wie steht es mit Ihrem Selbstvertrauen?

Ich habe es endlich geschafft, keine Angst mehr vor der eigenen Grossartigkeit und vor meinem Können zu haben.

Können Sie das näher erläutern?

Frauen kennen das: Wir machen tolle Sachen, starten Superprojekte und haben fantastische Ideen. Und doch ist da diese Unsicherheit, das Unbehagen, sind da Hemmungen, das alles nach aussen zu transportieren und selbstbewusst zu unseren Leistungen zu stehen. Es ist fast, als wenn uns das peinlich wäre.

Warum ist das so?

Frauen sind zu nett. Wir wollen nicht herausstechen. Wir wollen lieber mitschwimmen im Strom. Doch wir sollten Herausragendes anerkennen und dazu stehen. Wir sind gut, und das sollen wir auch zeigen dürfen.

Warum unterscheiden sich die Geschlechter hier so?

Ich kann nicht für die Männer sprechen. Aber ich habe das Gefühl, dass Männer mehr gefördert und unterstützt darin werden, Erfolg nicht nur zu haben, sondern ihn auch zu zeigen. Männer kennen in der Regel keine Scham, was den Stolz über das Ausmass ihres Erfolgs angeht. Ein Mann lässt dich sehr schnell wissen, was er alles gut kann.

Sie sind seit Ihrem ersten Hit «Fallin’» vor 19 Jahren ein Weltstar. Haben Sie das Feiern Ihrer selbst über die Jahre vernachlässigt?

Gott, ja. Ich habe eine Menge verpasst und auf vieles verzichtet. Ich habe mich heruntergespielt, heruntergespielt, ­heruntergespielt. Das ging in die Richtung «Ach, das ist doch nichts Besonderes», oder «So gut bin ich doch gar nicht».

Wann hat das aufgehört?

Eine Menge hat sich verändert, als ich meinen Mann kennen lernte. Er verstand meine Zurückhaltung überhaupt nicht. Er meinte «Wenn sie wegen dir eine Party schmeissen, dann freu dich doch.» Swizz hat mich dazu gebracht, meine Triumphe zu umarmen, zu sagen «Ja, das war ich, die diesen Song geschrieben hat.» Ich bin ihm sehr dankbar, dass er mir diese Perspektive verschafft hat.

Von wem ist das Stück «Underdog» inspiriert?

Von meinen Freunden und mir. Ich wuchs im damals noch ruppigen New Yorker Stadtteil Hells’ Kitchen auf, meine Mutter zog mich allein gross. Wir alle, meine Freunde, Bekannten, versuchten unseren Weg zu finden, unsere Träume zu verwirklichen, es einfach irgendwie zu packen, nicht unterzugehen und sich nicht unterkriegen zu lassen. Diesen Glauben daran, dass alles möglich und erreichbar ist, halte ich für eines der wunderbarsten Gefühle. Der Underdog ist der, den du anfeuerst. Damals waren wir alle Underdogs.

Die Plattenfirmen wollten Sie lange verbiegen, Sie über sexy Outfits und poppigere Songs vermarkten, das Übliche. Haben Sie in dem Moment, wo Sie «Fallin’» geschrieben haben, aufgehört, sich wie ein Underdog zu fühlen?

Nein, das Gefühl war weiterhin da. Man sagte mir, dass niemand den Song oder meine Musik als solche verstehen würde. Weil sie nicht reinpassen würde. Weil sie schlicht nicht gut genug sei. Ich musste den Leuten beweisen, dass sie unrecht haben.

Sie engagieren sich intensiv gegen Rassismus und für die «Black Lives Matter»-Bewegung. Ihre neue und tieftraurige Piano-Ballade «Perfect Way To Die» ist ein bewegendes Plädoyer gegen Polizeibrutalität. Wird sich jetzt, speziell nach dem Mord an George Floyd, endlich etwas verändern?

Ich bin optimistisch. Die Veränderung besteht darin, dass auch Menschen, die persönlich von Rassismus und Diskriminierung nicht betroffen sind, verstanden haben, dass dieser Schrecken real ist. Und dass die Geringschätzung von schwarzem Leben aufhören muss.

Das Töten schwarzer Menschen in diesem Land, den Vereinigten Staaten von Amerika, ist eine Krankheit, die nicht weniger hervorstechend und furcht­erregend ist als Covid-19.

Wie kann die Pandemie des Rassismus besiegt werden?

Sie wütet seit Hunderten von Jahren. Diese mörderische Mentalität wird sich nicht einfach abstellen lassen. Ich und wir alle werden weiter Druck machen, auf die Regierung, auf die Institutionen. Ich finde es auch sehr wichtig und ermutigend, dass bei euch in Europa die Menschen gegen Rassismus und Ungerechtigkeit kämpfen. Zusammen mit «Fridays for Future» entsteht gerade eine Bürgerbewegung, ein bisschen wie in den Sechzigern. Junge, aber auch alte Menschen aus allen Winkeln der Welt bekennen Farbe und begehren auf.

Sie weisen bei jeder Gelegenheit darauf hin, wie bedeutsam es ist, an den Präsidentschaftswahlen am 3. November teilzunehmen. Wird ein anderer Präsident das Land wieder in die Spur bringen können?

Ein anderer Präsident wird hoffentlich sehr viel weniger trennend, hetzend, spaltend und aufwiegelnd agieren als der noch amtierende. Wir brauchen einen Mentalitätswechsel, insbesondere mehr Zusammenhalt, mehr Chancen für alle, viel mehr Gemeinsinn. Wir dürfen uns nicht länger gegenseitig hassen. Ein neuer Präsident kann helfen, diese Entwicklung in Gang zu setzen, aber wir müssen auch selbst etwas tun.

Ist es momentan, wo die zwischenmenschlichen Gräben so tief sind, besonders wichtig, umarmende und positive Musik zu machen?

Ja. Empathie ist meine Mission. Ich habe genug von dem ganzen Bullshit, von all dem Negativen und Destruktiven. Es gibt zu viele Faktoren, die es uns schwer machen, uns gut zu fühlen. Ich persönlich will positive Energie, Licht und Wärme liefern. Musik ist ein Motor der positiven Veränderung und der Inspiration. Und sie ist eine sehr wirksame Medizin.