POPMUSIK: Lieder als Ort der Zuflucht

Nach der Odyssee ihrer Kindheit lebt die libanesische Sängerin Yasmine Hamdan heute in Paris. Wie ihre Musik ist sie aber auf der ganzen Welt zu Hause.

Hanspeter Künzler
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Die Libanesin Yasmine Hamdan möchte, dass Frauen aus ihren Liedern Kraft schöpfen können. (Bild: Tania Feghali)

Die Libanesin Yasmine Hamdan möchte, dass Frauen aus ihren Liedern Kraft schöpfen können. (Bild: Tania Feghali)

Hanspeter Künzler

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@tagblatt.ch

Die Entstehungsgeschichte ihres neuen Albums ist bezeichnend für die Haltung von Yasmine Hamdan. Sie habe Adrenalin gebraucht, sagt sie: «Ich wollte aus meiner Komfortzone raus, ich suchte die Herausforderung.» Darum buchte sie für die Aufnahmen in New York und London Musiker, mit denen sie noch nie gearbeitet hatte. «Je nach Ort verändert sich die Perspektive», führt sie aus. «Die Temperatur eines Stückes ist anders, je nachdem, ob man es im Nahen Osten, in London oder in Paris spielt.»

Es ist nicht unbedingt eine Einstellung, die man aufgrund ihrer Lebensgeschichte erwarten würde. Diese Lust am Wandern stelle sie selber vor Rätsel, sagt Hamdan: «Ich finde keine Befriedigung darin, an einem einzigen Ort zu bleiben.» Das könne sehr schmerzvoll sein, man fühle sich manchmal fremd und isoliert. «Ich empfinde es dennoch als einen glücklichen Zustand. Es schenkt mir Freiheit. Ich fühle mich weniger an die Dinge gebunden. Es gibt mir den Raum, die Umgebung aus der Distanz zu beobachten und darüber nachzudenken.»

Auf Odyssee im Nahen Osten die Langeweile überwunden

Yasmine Hamdan wurde 1976 im Libanon geboren. Ihr Vater, ein Bauingenieur, stammte aus einer liberalen, politisch aktiven Familie. Die Mutter war in einer konservativeren, bürgerlichen Um­gebung aufgewachsen. Als der Libanon in einen Bürgerkrieg rutschte, zogen die Hamdans nach Kuwait, dann nach Abu Dhabi und schliesslich nach Griechenland, ehe sie in den befriedeten Libanon zurückkehrten. «Ich liebe den Golf», sagt Hamdan. «Ich liebe die Wüste und die alte, polyphone Musik, die sie hervorgebracht hat. Ich nenne es Kamelmusik. Die Grooves sind unwi­derstehlich, die Harmonien un­glaub­­lich reichhaltig.» Sie sei ein verträumtes und melancholisches Kind gewesen. «Das Leben am Golf war sehr öde. Vor Langeweile dachte man viel über existenzielle Fragen nach.» Sinnliche Erinnerungen sind ihr geblieben. «Das Verhalten von Frauen am Golf fasziniert mich noch heute», sagt sie. «In der Mischung von Zurückhaltung, Geheimnis und Schönheit steckt Erotik.»

Popmusik im westlichen Stil entdeckte Yasmine Hamdan erst in Griechenland. Als Zwölfjährige sei sie in David Bowie und Madonna verliebt gewesen. Selber zu singen begann sie ein paar Jahre später in Beirut. Ein Schulfreund namens Zeid Hamdan (die beiden waren nicht verwandt) rettete aus der eingestellten Radiostation eine Schachtel mit alten Heavy-Metal-Kassetten: «Wir rasten im Auto durch die Ruinen von Beirut, drehten Uriah Heep voll auf und schrien mit.» Gleichzeitig entdeckte sie in der eigenwilligen englischen Sängerin P. J. Harvey eine starke Geistesverwandtschaft: «Ohne etwas zu wissen über sie, spürte ich aus ihrer Musik eine weibliche Kraft. Das gab mir den Mumm, diese Kraft in mir freizusetzen.» Zusammen mit Zeid Hamdan formierte sie die Band Soapkills, deren spukhafte Trip-Hop-Elektronik sie mit Querflöte oder Cello vereinte. Die Texte waren arabisch, ein Novum im libanesischen Musik-Underground.

Bald wurde es ihr zu eng in der libanesischen Szene. Hamdan zog nach Paris, wo sie mit dem Duo Coco Rosie arbeitete, mit dem Produzenten Mirwais unter dem Namen Y.A.S. auftrat und Film- und Theatermusik komponierte. Sie ist mit dem palästinensischen Filmregisseur Elia Suleiman verheiratet. Ihr erstes Soloalbum «Ya Nass» erschien 2012 und bestand vor allem aus Versionen libanesischer Evergreens im elektronischen Gewand. Das neue Album «Al Jamilat» – «Die Schönen» – enthält vornehmlich Eigenkompositionen. «Meine Lieder sind wie die dritte oder vierte Generation von Einwanderern», sagt Hamdan. Die Vermischung sei es, was sie interessiere. «Natürlich werde ich beeinflusst von den Dingen, die rundum in der Welt geschehen. Ich möchte mit meinen Liedern einen Ort der Zuflucht schaffen. Einen Ort auch, wo Frauen Kraft schöpfen können.»

Yasmine Hamdan: Al Jamilat, Crammed/Irascible