Pop
Von Supergroups und Störgeräuschen: Neue Musik aus der Schweiz

Was tun zwischen den Jahren, wenn man am besten daheim bleiben sollte? Unser Tipp: Schweizer Musik hören, von aufregend bis anregend.

Michael Graber
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Tobias Jundt alias Bonaparte.

Tobias Jundt alias Bonaparte.

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Sophie Hunger.

Sophie Hunger.

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Wie viele Supergroups will Sophie Hunger eigentlich noch mitverantworten? Zuerst lieferte sie mit Faber und Dino Brandão ein schönes Album über die Liebe und nun veröffentlicht sie mit Tobias Jundt alias Bonaparte bald eine EP. Bonaparte hat sich eigentlich in den Ruhestand verabschiedet. Zum Glück war dies maximal die halbe Wahrheit. Die erste Single der beiden Berner ist das LCD-Soundsystem-Cover «Daft Punk spielen in meinem Haus». Und sie groovt so geradewegs vorwärts, dass es sofort nach verschwitzt-verrauchten Partykeller duftet.

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Lo & Leduc.

Lo & Leduc.

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Auch wenn die zügellose Party grad mindestens eine Omikron-Dimension weg scheint, so erhält diese rumpelig rockende und rollende Nummer unsere Lust auf den Exzess. Fast etwas zeitgemässer ist da der neue Song von Lo & Leduc. «Zwüschezit» ist eine Liebeserklärung an die Nähe, die uns Halt gibt in einer Zeit voller Ungewissheit. «I weiss nid, was morn isch u du o nid/ I weiss nid, wele Tag/ I weiss nid weles Jahr isch / Wele Monet/ Das isch ir Ornig». Der Song schlendert melancholisch entspannt. Auch von Lo & Leduc kommt im Februar ein neues Album. Im Sommer dann gibt’s auch ein paar Festivals. Vielleicht. Wer weiss das schon.

Migo & Buzz zwischen blauen Palmen.

Migo & Buzz zwischen blauen Palmen.

HO

Voller (Sinn-)Fragen steckt auch das Album «Warte uf ds Meer» von Migo & Buzz. Der Rapper (Migo) und der Produzent legen wortgewaltig den Finger auf die offenen Wunden der Gesellschaft. Gentrifizierung, Leistungsdruck, Selbstoptimierung. «Hesch am Zürisee die Hüser gseh, wirsch nie meh zfrede», rappt Migo, und Buzz bastelt Beats, die locker grooven. Manchmal aber überfordert einen alles ein bisschen. Es ist wahnsinnig dicht, was uns hier an Weltkritik serviert wird. Aber dadurch, dass die beiden Berner auch die eigene linke WG-Romantik skalpellgenau sezieren, wird es nie zu schwer. Es sind 15 Störgeräusche, die uns aus der eigenen Bequemlichkeit schütteln sollen.

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Elischa Haller

Elischa Haller

PD.

Grossartige Störgeräusche liefert auch der Luzerner Elischa Heller. Sein Debüt «Unsere Kanten sind aus Samt» ist ein herrlich beunruhigendes Stück Musik. Heller dreht dabei an den fiktiven Radio-Reglern. Wechselt die Sender. Mal rauscht es, mal dröhnt es dunkel. Es flirrt, flackert und stampft. Und es bleibt immer in Bewegung. Plötzlich bimmeln noch Glocken mit, und was eben noch düster war, ufert in einen Rave aus.

In den besten Momenten bewahrt sich Hellers Musik trotz grösstmöglicher Verkopftheit die Leichtigkeit. Dann öffnen sich tiefe Abgründe in diesem elektronischen Album, das durchsetzt ist mit Noise-Elementen und Alltags-Aufnahmen. Darüber schwebt Hellers Stimme mit Autotune. Es sind vollgeladene knapp 20 Minuten. Die EP schüttelt durch. Das ist zuweilen durchaus anstrengend und fernab von jedwelcher Massentauglichkeit. Aber gerade dadurch wird die Ruhe am Ende der Platte noch viel intensiver wahrgenommen.

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Sophie Hunger & Bonaparte: Daft Punk spielen in meinem Haus
Lo & Leduc: Zwüschezit (Bakara)
Migo & Buzz: Warte uf ds Meer
Elischa Heller: Unsere Kanten sind aus Samt (BlauBlau Records)

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