Pop-Up-Ateliers in Konstanz: 1000 Quadratmeter für Kunst und Kultur

Das Pop-Up-Konzept funktioniert nur für Stores und Geschäfte? Ein kleines Team in Konstanz beweist, es geht auch anders: Der Pop-Up-Space «Treibhaus» im Konstanzer Siemens-Areal bietet nun kreativen Köpfen vier Monate Gelegenheit, ihre Ideen auszuleben.

Judith Schuck
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Sabine Johannisson, Coach für meditatives Malen, bietet im «Treibhaus» Kunsttherapie zur Alltagsbewältigung an.

Sabine Johannisson, Coach für meditatives Malen, bietet im «Treibhaus» Kunsttherapie zur Alltagsbewältigung an.

Bild: Donato Caspari

In einem der verglasten Räume, die vom langen Gang abgehen, arbeitet eine dunkelhaarige Frau mit grauer Mütze an ihren Illustrationen. Neben Majca Osojnic, der Mieterin dieses Raumes, sitzt eine Teenagerin, die mit grossen, selbstbewussten Bewegungen Kaugummi kaut – ihre Tochter.

«Früher war ich Kunstautorin und Illustratorin, dann viele Jahre Hausfrau und Mutter», sagt Majca Osojnic. Im Treibhaus habe sie nun die Möglichkeit, sich «zu verstecken», um zu schreiben und zu zeichnen.

Nach nur wenigen Wochen im neuen Pop-Up-Space stehe bereits der Text für ihr neues Buch, denn jetzt habe sie die Ruhe, die ihr viele Jahre fehlte. «Am Küchentisch hat es nie geklappt. Ich kämpfe um jede freie Minute hier, auch nachts», sagt sie. Spannend findet sie ausserdem den Kontakt zu den anderen, ganz unterschiedlichen Mieterinnen und Mietern.

Leben statt Leerstand: Das Treibhaus Konstanz bietet noch bis Februar 2020 Ateliers und Arbeitsräume inklusive Infrastruktur.

Leben statt Leerstand: Das Treibhaus Konstanz bietet noch bis Februar 2020 Ateliers und Arbeitsräume inklusive Infrastruktur.

Bild: Donato Caspari

Die Mieter bestimmen die Miete selbst

In den Räumen schräg gegenüber passiert etwas völlig anderes. Kekse knuspernd wartet Inge Scholz umgeben von Bildern und einem Kleiderständer auf Besucher. Scholz ist Ergotherapeutin. Gemeinsam mit Sabine Johannisson hat sie zwei Räume für Kunst- und Kreativtherapie gemietet: «Werde Teil des Gemäldes» ist ein Angebot zur Alltagsbewältigung durch Malen. Mit bepinselten, sich ins Bild einfügenden Klamotten ausstaffiert, werden die Teilnehmenden ins Gemälde integriert.

Ab Januar gibt es zudem Workshops für meditatives Malen. «Wir wollen die ureigene Kreativität der Menschen aufdecken», erklärt Inge Scholz ihren Ansatz. Der Pop-Up-Space bietet aber auch ihr und ihrer Kollegin die Möglichkeit, zu zeigen, was sie können.

Blick ins Atelier im «Treibhaus» von Sabine Johannisson und Inge Scholz.

Blick ins Atelier im «Treibhaus» von Sabine Johannisson und Inge Scholz.

Donato Caspari

Auf 23 Räume mit zusammen 1000 Quadratmetern verteilen sich Grafiker, Architekten, Yoga-Lehrer, Schriftsteller, Filmemacher, Programmierer sowie Künstler und Musiker. Die Mieter bestimmen selbst, was sie für den Raum ausgeben möchten.

Das Treibhaus Konstanz im ehemaligen Siemens-Areal bietet Kleinunternehmern, Künstlerinnen und Künstlern Platz für eine Zwischennutzung.

Das Treibhaus Konstanz im ehemaligen Siemens-Areal bietet Kleinunternehmern, Künstlerinnen und Künstlern Platz für eine Zwischennutzung.

Bild: Donato Caspari

«Jeder soll so viel zahlen, wie ihr oder ihm der Raum wert ist», erklärt Simon Bamberger. Er hauchte dem Projekt Treibhaus Leben ein und ist selbst überwältigt, wie viele verschiedene Menschen in dem alten Industriekomplex zusammenkommen: «Die Leute haben erkannt, dass sie hier etwas machen können. Das ist eine tolle Erfahrung.»

«Es gibt einen Bedarf an bezahlbaren Räumen»

Er selbst sieht sich als Musiker. Sein halbes Leben habe er «auf Tasten- und Saiteninstrumenten» gespielt. Ausserdem sammelte der diplomierte Soziologe gemeinsam mit seinem Bruder Erfahrungen als Unternehmer.

«Mein Traum ist, dass Kunst nicht nur in Kulturzentren stattfindet, sondern inmitten der Gesellschaft.»

Im Sommer 2018 nahm Simon Bamberger am Kunstfestival «Vis!te» teil: Kunstschaffende schmückten das ehemalige konstanzer Vincentius-Krankenhaus vor seinem Abbruch von innen und aussen mit ihren Werken. Dort traf Bamberger auf eine Menge Gleichgesinnter, von denen er die Engagiertesten anschrieb und fragte, ob sie mit ihm einen Pop-Up-Space aus dem Boden stampfen wollen.

Simon Bamberger und Helene Timm sind die Projekleiter des «Treibhaus».

Simon Bamberger und Helene Timm sind die Projekleiter des «Treibhaus».

Donato Caspari

Seit August 2019 ist das zehnköpfige Projektteam nun am Planen und Umsetzen. Im November eröffneten sie das Treibhaus im Siemens-Areal in der Bücklestrasse. «Wir wollen zeigen, dass es in Konstanz einen Bedarf an bezahlbaren Räumen für Kreative gibt», so Bamberger.

Der Name Treibhaus sei Anbetracht der gläsernen Wände auf der Hand gelegen. Doch werden hier noch weitere Metaphern aus der Botanik gebraucht wie «Düngen» für das Nutzen des Ortes, an dem viel «wachsen» soll.

Tanja Zidon zeigt Treibhausleiter Simon Bamberger «Beeings», ihr Projekt für Wildbienen.

Tanja Zidon zeigt Treibhausleiter Simon Bamberger «Beeings», ihr Projekt für Wildbienen. 

Bild: Donato Caspari

Testfeld Treibhaus: Lässt sich damit Geld verdienen?

Dokumentiert wird das Projekt von Helene Timm, die ihre Masterarbeit in «Cultural Leadership» darüber schreibt. Sie hat sich bereits mit ähnlichen Vorhaben auseinandergesetzt. «Das Besondere am Treibhaus ist, dass es kein städtisches Projekt ist, sondern ein privater Anbieter dahintersteht.»

Annika Werdermann verarbeitet im Treibhaus für ihr Label «Monumentum» Leder und Bootssegel zu Taschen und Accessoires.

Annika Werdermann verarbeitet im Treibhaus für ihr Label «Monumentum» Leder und Bootssegel zu Taschen und Accessoires.

Bild: Donato Caspari

Dieses Unternehmen, an dem Simon Bamberger ebenfalls beteiligt ist, heisst «farm» – eine Kooperation mit dem Technologiezentrum Konstanz für eine integrative Nutzung des Siemens-Areals. Für die «farm» sind bereits fünf Gebäude angemietet, die nicht abgebrochen werden sollen.

Mit dem Treibhaus möchte das Konzeptteam herausfinden, wie viel Geld sie als Gruppe erwirtschaften können, damit Menschen, die etwas gestalten wollen, künftig auch in der «farm» bezahlbarer Raum zur Verfügung steht.

«Treibhaus», bis Februar 2020, Infos unter treibhaus.konstanz.farm

KUNSTRAUM: Bis die Abrissbirne kommt

Seit einem Jahr wird das ehemalige italienische Konsulat St.Gallen als Kulturstätte zwischengenutzt. Noch bis Sommer bringt das «Kulturkonsulat» Künstler und Publikum zusammen – dann wird das Haus abgerissen. Heute Abend steigt zum Jubiläum ein Fest.
Philipp Bürkler