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Jo Nesbø erfindet Macbeth neu - mit vielen Drogen und altbekanntem Dilemma

Die moderne «Macbeth»-Adaption des Norwegers Jo Nesbø hat Atmosphäre, Action und psychologische Tiefe. Aber nicht alle erzählerischen Probleme kann er lösen.
Arno Renggli
Jo Nesbø begab sich in Shakespeares Abgründe. (Bild: Thron Ullberg/PD)

Jo Nesbø begab sich in Shakespeares Abgründe. (Bild: Thron Ullberg/PD)

Macbeth, Hauptfigur des gleichnamigen Dramas von Shakespeare, gehört zu den abgründigsten Figuren der Weltliteratur. Wenn nun Jo Nesbø, sprachgewaltiger Autor etwa der Krimis mit Harry Hole, eine moderne Adaption erstellt, muss es fast zwangsläufig krachen.

Tatsächlich: Trotzig, finster, brutal zieht Nesbø die Story auf – mit Macbeth als Polizeiinspektor in einer molochartigen Stadt, die futuristisch-endzeitlich wirkt, obwohl die Handlung offenbar in den 1970er-Jahren spielt. Weshalb es noch kein Internet, dafür aber umso mehr Drogen gibt.

Auch hier wird Macbeth von der «Lady» verleitet

Dieser Macbeth ist eigentlich ein guter Bulle, clever, hart und unbestechlich. Doch in ihm schlummert die Gier nach Macht. Diese zu wecken vermag seine Geliebte, «Lady» genannt, womit die Parallele zu Lady Macbeth glasklar ist. «Lady» also bringt ihn dazu, den amtierenden Polizeichef Duncan zu ermorden, um dessen Posten zu kriegen. Bei Shakespeare ist Duncan der König, den Macbeth, ebenfalls auf Betreiben seiner Lady, meuchelt.

In der Tat kommt praktisch das ganze Personal von Shakespeare auch bei Nesbø vor, etwa Banquo oder Macduff (bei Nesbø schlicht Duff), der zu Macbeths grossem Gegenspieler avanciert. Hecate, bei Shakespeare die Göttin der Hexerei, ist bei Nesbø ein mysteriöser Chef der Unterwelt, der sich Macbeths bedient, um selber seine Macht auszubauen.

Auch punkto Story setzt Nesbø die wesentlichen Züge der Vorlage um: nach der Ermordung Duncans die Machtergreifung durch Macbeth, die Beseitigung weiterer Gegenspieler, der sich allmählich steigernde Wahnsinn von «Lady» und dann der Fall von Macbeth, als gemäss Prophezeiung Hecates etwas eintritt, was unmöglich schien: Während sich bei Shakespeare plötzlich der Wald von Birnham bewegt (weil Macduffs Soldaten die Bäume als Tarnung benutzen), ist es bei Nesbø eine längst stillgelegte alte Lokomotive, die losgelassen wird.

Drogen erklären so einiges

Gerade in solchen Elementen zeigt sich: Die möglichst vollständige Gleichschaltung mit Shakespeare, obschon in total anderem Setting, birgt Schwierigkeiten. Es gelingt oft sehr gut, manchmal etwas weniger. Auch beisst sich Nesbøs harter Realismus teilweise mit magischen und surrealen Elementen, die er der Vorlage entnimmt. Der Kniff, dass viele Figuren Drogen nehmen und/oder eine verpeilte Psyche haben, löst dieses Problem nicht immer.

Die wichtigste Dilemma aber ist: Entweder kennt man Shakespeare «Macbeth» und weiss, wie die Story ausgeht. Spannend ist dann vor allem, wie Nesbø sie modernisiert. Oder man kenn die Vorlage nicht, und dann wirkt manches befremdend. Kommt hinzu, dass Nesbø, der ja meistens viel schreibt, über 600 Seiten füllt, während Shakespeares Vorlage vielleicht deren 100 umfasst. Dadurch muss Nesbø vieles ausbauen oder dazumixen, was die Hauptstory verlangsamt.

Dass das Buch dennoch packt, liegt zum einen an Nesbø Sprachgewalt – wie er teilweise fast filmisch Regie führt und die düstere Atmosphäre zu einem suggestiven Albtraum verdichtet. Zum anderen ist da seine psychologische Interpretation der Figuren. Namentlich Macbeth und «Lady», aber auch andere, werden als komplexe Charaktere erleb- und verstehbar. Bei Macbeth etwa wird klar: Er ist ein Schurke. Aber er könnte ebenso gut ein Held sein. Und der Übergang ist manchmal verflixt fliessend.

Jo Nesbø: Macbeth. Penguin, 620 S., Fr. 37.–

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