POLITSATIRE: Diese welschen Satiriker zeigen der Deutschschweiz, wie es geht

Die Kultsendung «26 Minutes» des Westschweizer Fernsehens gibt es heute Abend in einer Deutschschweizer Version. Füllen Vincent Kucholl und Vincent Veillon die Lücke nach Giacobbo/Müller?

Antonio Fumagalli
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Probieren es einmal auf Deutsch: Vincent Kucholl und Vincent Veillon. (Bild: SRF)

Probieren es einmal auf Deutsch: Vincent Kucholl und Vincent Veillon. (Bild: SRF)

«Habt ihr gut geschlafen, liebe Soldaten? Ich habe einen Vorschlag: Wir laden jetzt dieses Material in einen Anhänger und machen dann eine schöne Pause. Was meint ihr? Ihr seid nicht einverstanden? Kein Problem, dann machen wir etwas anderes. Wie wäre es mit einem Videospiel?» Oberstleutnant Karl-Heinz Inäbnit spricht mit so sanfter Stimme, dass seine Armeeuniform geradezu grotesk wirkt. Seine Zuhörer sind allerdings nicht verweichlichte Militärangehörige, sondern die TV-Zuschauer im Westschweizer RTS – und natürlich gibt es auch Inäbnit in Tat und Wahrheit nicht. Der angeblich stellvertretende Waffenplatzkommandant ist «nur» die prägnanteste Kunstfigur des Lausanner Komikers Vincent Kucholl.

Oberstleutnant Karl-Heinz Inäbnit erklärt das Konzept "Progress" der Armee


Namen aus der NZZ kopiert

In der Romandie ist der gelernte Schauspieler ein Star und die Satiresendung «26 Minutes», die er zusammen mit seinem kongenialen Namensvetter Vincent Veillon einmal wöchentlich moderiert, ein Strassenfeger. Bis zu 40 Prozent Marktanteil erreicht die Show jeweils am Samstagabend – eine Traumquote. In der Deutschschweiz hingegen sind die beiden Vincents dem breiten Publikum bis anhin wenig bekannt. Obwohl sie 2013 mit einem Bühnenprogramm mehrmals ennet des Röstigrabens aufgetreten sind. Und obwohl Kucholls Figuren immer dann die grössten Lacher produzieren, wenn sie Deutschschweizer imitieren, die mehr schlecht als recht französisch sprechen. Die Namen der parodierten Deutschschweizer haben die beiden dem Impressum der NZZ entwendet. Sie suchten nach lustigen Vor- und Nachnamen und setzten sie neu zusammen.

Der Dreh der fiktiven Interviews bei «26 Minutes» ist immer der gleiche: Vincent Veillon mimt den seriösen Fragesteller und liefert dem anderen Vincent thematische Steilvorlagen. Die von ihm dargestellte Kunstfigur nimmt gängige Klischees auf, überzeichnet aber derart, dass man ihr sogar dann nicht böse sein kann, wenn man selbst der Berufsgruppe oder der kulturellen Minderheit angehört. «Wir kriegen immer wieder Reaktionen von Lehrern, die unsere pedantische Lehrerfigur lieben. Nicht, weil sie sich selbst erkennen, sondern weil sie finden, sie passe genau zu ihren Kollegen», sagt Kucholl.

«26 Minutes» versteht sich durchaus als politische Satiresendung, was die regelmässigen Studiogäste aus Parlament und Regierung unterstreichen. Die Themen werden auf ungezwungene, sprachlich manchmal grenzwertige Weise behandelt – und immer mit Seitenhieb auf festgefahrene Rollenbilder. Das Spiel mit den Klischees sei «eine Möglichkeit, diese eben gerade zu bekämpfen», sagt Kucholl. Einen pädagogischen Anspruch hätten sie aber nicht. «Unser Ziel ist, dass die Zuschauer lachen.»


Für die Deutschschweiz mehr als 26 Minuten

In der Romandie tun sie das zu Hunderttausenden. Die Deutschschweizer können heute Abend nachziehen. SRF strahlt eine Spezialsendung von «26 Minutes» aus – auf Deutsch und mit Volksmusikerin Melanie Oesch als Stargast. Das Problem: Um die Deutschkenntnisse der Moderatoren steht es nicht zum Besten, Schweizerdeutsch sprechen sie gar nicht. Also haben sie sich – zu Lasten der ihnen sonst eigenen Spontaneität – mit Telepromptern ausgeholfen. Die Lücke in politischer TV-Satire, die in der deutschen Schweiz nach Giacobbo/Müller entstanden ist, vermögen die beiden Vincents mit der einmaligen Sendung nicht auszufüllen. Das Deutschschweizer Publikum dürfte dem Charme der Romands dennoch verfallen. Es hat dazu auch aussergewöhnlich lange Zeit – heute dauert «26 Minutes» fast eine Dreiviertelstunde.

Die deutsche Sendung von "26 minutes"