POLITISCHER KOMMENTAR: Totenklage für die Armenier

In seinem Requiem verbindet Tigran Mansurian unterschiedliche kulturelle Welten – zu hören auf CD und demnächst auch in Amriswil.

Rolf App
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In einem seiner Auftritte hat der türkische Staatspräsident Erdogan in den letzten Tagen die Holländer angegriffen und ihnen vorgehalten, sie seien verantwortlich für das Massaker von Srebrenica während des Bosnienkriegs. Dann hat er beigefügt: «Wir ­Türken dagegen haben ein reines Gewissen.»

Man glaubt seinen Ohren nicht zu trauen: Ein reines Gewissen? Und denkt sich: Was ist denn mit dem Völkermord an den ­Armeniern während des Ersten Weltkrieges, als bei Massakern und Todesmärschen je nach Schätzung zwischen 300000 und mehr als 1,5 Millionen Menschen zu Tode gekommen sind? Unter ihnen ein Grossteil der ­Familie des Komponisten Tigran Mansurian.

Im Gedenken an die Opfer des Völkermords an seinen Landsleuten hat der 1939 in Beirut geborene und später im armenischen Jerewan ausgebildete Mansurian nun ein Requiem komponiert, das am Karfreitag in der evangelischen Kirche in Amriswil aufgeführt wird und jetzt beim Label ECM auch auf CD ­erschienen ist.

Die Sopranistin Anja Petersen und der Bariton Andrew Redmond übernehmen die Solopartien, die Interpretation prägt allerdings über weite Strecken der vierstimmige Rias-Kammerchor mit seinen ausdrucksvollen Stimmen. Alexander Liebreich steht am Pult des Münchener Kammerorchesters.

Ein Requiem im Geist der Miniaturenmalerei

Tigran Mansurian, der im August 2014 auch Gastkomponist des Davos-Festivals gewesen ist, hat damals erzählt, wie er den Weg von einer westlich geprägten Musik in die tausendjährige armenische Musik gefunden hat. Hier geht er den Weg nochmals, aber in umgekehrter Richtung, indem er den lateinischen Text des Requiems in die Klanglichkeit eines Volkes kleidet, dem über Jahrhunderte die Staatlichkeit aberkannt wurde. Er habe sich am theatralisch-rituellen Aspekt gestossen, der sich in dieser Gattung im Lauf der Jahrhunderte in der europäischen Musik entwickelt habe, erklärt er im Booklet zur CD. «Mir wurde klar, dass die Sänger dieses Requiems denselben beseelten Geist und dieselben Charakterzüge wie die Figuren der Miniaturmalerei antiker armenischer Manuskripte im Sinn haben mussten.» Die Symbiose ist gelungen. Mansurians Requiem ist anders, ganz anders. Ruhig fliesst es über weite Strecken dahin, zieht weite melodische Bögen, ganz filigran ist der Orchestersatz angelegt. Vom Chor geht eine starke meditative Grundstimmung aus, aus dem die Solisten nur dann und wann mit ihren schönen Stimmen hervortreten. Alles zusammen wird zum grossen Erlebnis.

Rolf App

rolf.app

@tagblatt.ch

Fr, 14.4., 17 Uhr, evang. Kirche Amriswil, Konstanzer Kammerchor: Mansurians Requiem, eingebettet in Werke zeit­genössischer Komponisten.