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Poetry Slam-Meisterschaft in Luzern: Die Versager sind die Sieger

Drei Tage lang stand das Neubad im Zeichen der Schweizer Poetry Slam-Meisterschaften 2019. Besonders der Perfektionsdruck bewegte die Wettdichter. Der neue Champion Marco Gurtner kommt aus Thun.
Céline Graf
Slampoet Marco Gurtner gewann im Neubad mit Bühnenpräsenz und einem Text über die Antihelden der Skipiste. (Bild: Christian Felber, Luzern, 30. März 2019)

Slampoet Marco Gurtner gewann im Neubad mit Bühnenpräsenz und einem Text über die Antihelden der Skipiste. (Bild: Christian Felber, Luzern, 30. März 2019)

Ein Blackout. Ausgerechnet heute. Lukas Becker aus Zürich fällt mitten in seinem Anti-Rap gegen Selbstoptimierung und Burnout aus dem Text. Lange Sekunden vergehen, er versucht sich zu erinnern, hat keinen Zettel dabei. Das Publikum im Neubad Luzern unterstützt ihn mit Zurufen und Klatschen, fiebert mit. Der Slampoet keucht, fährt sich durch die Haare, flucht leise. Für den Finalisten ist es ein Horrormoment. Für die gesamten Schweizer Meisterschaften im Poetry Slam einer der wichtigsten.

Gastgeberstadt der mit über 2500 Besucherinnen und Besucher ausverkauften zehnten Ausgabe war erstmals Luzern. Die Regeln: Ein eigener Text wird in maximal sechs Minuten vorgetragen, hauptsächlich gesprochen oder gerappt, ohne Requisiten.

«Man isst einen fucking Kompost»

Und jetzt scheitert da einer. Scheitert an einem Text über Leistungsdruck. Vor ausverkauftem Haus, am dritten und letzten Abend, an dem sich die besten Wettdichterinnen und Wettdichter (heuer fast nur Männer) des Landes messen. Wo so mancher Showman des performten Wortes trotz Nervosität das Rampenlicht geniesst. Das passt, das hat es gebraucht. Denn viele plädieren an diesen Meisterschaften, abgehalten im Neubad, der Bar 59 und der Loge, für mehr Ehrlichkeit und Natürlichkeit, weniger Falschheit und Maske.

Sogar die Klimapolitik kommt etwas seltener zur Sprache als erwartet – Authentizität ist angesagter. Auch beim Aargauer U20-Gewinner Jeremy Chavez, der findet: «Wir sind alle hässlich, und das ist gut so.» Auch bei den Gewinnern des Teamfinals am Freitag, Laurin Buser und Fatima Moumouni alias Zum Goldenen Schmied, die «Selflove» und «Powerfood» verbal verbannen. «Man isst einen fucking Kompost», wettern sie in einer Comedynummer. Das Publikum frisst ihnen aus der Hand.

Dasselbe beim am Samstag gekürten Einzelchampion Marco Gurtner. Der Thuner redet sich über Fondue in Rage, während er vor dem Kühlregal im «Migi» (Migros auf Berndeutsch) steht. Als Krönung bringt er das Publikum zum Mitsingen von Cyndi Laupers «Time after Time». Im zweiten Text sticht er den Vorjahressieger Kilian Ziegler aus Olten sowie Michael Frei aus, ein Kollege aus der Spoken-Word-Gruppe «Thun ist nirgends».

Gurtner rotzt zur Begrüssung wie das Klischee von einem Truckerfahrer ins Mikrofon. Nicht minder schnoddrig kündigt er an, um was es geht («Pistenfahrzeuge, kann man machen»), und bringt dann eine Hommage an das Raupenfahrzeug Ratrac. Dessen Fahrer erklärt er neben all den Bluffern im Skisport zum einzig wahren Helden der Piste.

Berner Mundart und nackte Fakten

Ob mit peinlichen Liebeserklärungen (an Beatrice Egli und Enten, unter anderem) oder gespieltem Zweifel am eigenen Schreibtalent: Geschichten über Versager heimsen durchwegs die Sympathie des Publikums ein.

Die Punkte vergibt jeweils eine zufällig ausgewählte Jury aus sieben Zuschauern. Den Sieger wählt schliesslich der ganze Saal aus drei Finalisten mit Applaus, nachdem diese nochmals einen Text präsentiert haben. Marco Gurtner holt die Leute in der Kategorie Einzel am besten ab mit seinen alltagsnahen Szenen und seiner Bühnenpräsenz.

Überhaupt, die Berner. Sie würden in der Kategorie beste kantonale Gesamtleistung abräumen, wenn es eine gäbe. Raphael Reift und Noah Oetterli etwa imitieren souverän Dialekte und Stimmen. Und im Teamfinale am Freitag holen Remo Zumstein und Pesche Heiniger alias Terracotta Forellenquintett im breitesten Berndeutsch den lautesten Zwischenapplaus. Sehr knapp verpasst das wendige Duo den Sieg mit einem Text über Fische und den Ausdruck «Fakt isch».

Fakt ist, unter anderem: «Nackt si bim Akt isch no praktisch.» Die Schnabelwetzer übertönen zwischen den hallenden Wänden des umgenutzten Hallenbads sogar die Glasflaschen. Denn Biere und Fairtrade-Limonaden fallen regelmässig irgendwo laut um. Das stört zwar die Ohren. Aber es passt auch perfekt zu diesem dreitägigen Fest der Imperfektion, bestritten von lauter Sprachperfektionisten.

Rangliste

Einzel
1. Marco Gurtner, Thun
2. Kilian Ziegler, Olten
3. Michael Frei, Thun

Team
1. Laurin Buser & Fatima Moumouni (Zum Goldenenen Schmied), Basel/Zürich
2. Remo Zumstein & Pesche Heiniger (Terracotta Forellenquintett), Bern
3. Phibi Reichling & Kilian Ziegler (Die Agile Liga), Zürich/Olten

U20
1. Jeremy Chavez, Wohlen AG
2. Jusef Selman, Frauenfeld
3. Noah Oetterli, Thun

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