Poetischer Forscher

Belles Lettres

Beda Hanimann
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Für die Ausgezeichneten bedeuten Literaturpreise Anerkennung und Zustupf. ­ Für uns Leser sind sie oftmals Anstiftung zur Erinnerung. Am Sonntag hat Paul Nizon den Gert-Jonke-Preis erhalten, Grund also, sich wieder einmal an den in Paris lebenden Schweizer Autor zu erinnern. Es ist ruhiger geworden um den 87-Jährigen, die letzte Buchpu­blikation liegt einige Jahre zurück. Die erste mit Kurztexten datiert von 1959 («Die gleitenden Plätze»), 1963 folgte «Canto». Es war ein erster Paukenschlag, ein Buch voller persönlich-subjektiver Poesie, das quer im politisch motivierten Literaturbetrieb seiner Zeit stand.

Der in Rom spielende Selbst- und Weltfindungsroman machte schon Nizons literarischen Zugriff deutlich. Er komme nicht an Rom heran, schreibt da der Ich-Erzähler, also nehme er sich, «was immer, den Pflasterstein, den Nachttopfdeckel, die Zigarette, das im Rinnstein verderbende Gemüseblatt...». So tastet sich auch Nizon von den Einzelheiten her an das Leben heran, jeder Schritt ist für ihn Beobachtungs- und Wahrnehmungsarbeit – höchst lustvoll verrichtete. Aus dem Kleinen, aber unmittelbar Erlebten schafft er Welthaltigkeit. Die Jury des Jonke-Preises hat es schön umschrieben: Sie würdigte Nizon als «Virtuosen der poetischen Selbsterforschung».

Beda Hanimann

Paul Nizon: Canto, Bibliothek Suhrkamp