Poet im Dorf, der Welt zugewandt

Keine «Schreibhöhle», kein Dschungel aus Büchern, losen Blättern, Briefen, Notizbüchern: Jochen Kelters Schreibplätze in der geschmackvoll eingerichteten Ermatinger Wohnung sind ordentlich aufgeräumt – nicht eigens für unseren Besuch, wie

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Ermatingen TG , 14.06.2012 / Werkplatz / Schriftsteller Jochen Kelter. Bild: Donato Caspari (Bild: Donato Gaspari)

Ermatingen TG , 14.06.2012 / Werkplatz / Schriftsteller Jochen Kelter. Bild: Donato Caspari (Bild: Donato Gaspari)

Keine «Schreibhöhle», kein Dschungel aus Büchern, losen Blättern, Briefen, Notizbüchern: Jochen Kelters Schreibplätze in der geschmackvoll eingerichteten Ermatinger Wohnung sind ordentlich aufgeräumt – nicht eigens für unseren Besuch, wie er glaubhaft versichert. Vielmehr zeigt sich darin jahrzehntelange Übung im Sortieren von sich überlagernden Aufgaben.

Der deutsch-schweizerische Schriftsteller, Lyriker und Essayist, 1946 in Köln geboren, ist gewohnt, parallel an diversen Baustellen zu arbeiten, die lyrische Kür auf Schreibpflichten folgen zu lassen. Sei es als Übersetzer oder in einer seiner zahlreichen Funktionen in diversen Schriftstellerverbänden, als Lehrer oder Gewerkschaftskolumnist für den Konstanzer «Südkurier»: Nie hat sich Kelter als Dichter im Elfenbeinturm gesehen, sondern als vielseitig engagierten Wortarbeiter mit straffem Zeitplan.

Am Abendschreibtisch

So hat sich die räumliche Trennung der Schreibtische ergeben. Einer ist fürs Tagesgeschäft, mit Blick auf Bäume und Gärten vor dem Fenster; dort telefoniert er, schreibt und beantwortet er Mails; ein Faxgerät wartet darauf, verschenkt zu werden, der Laptop ist zugeklappt. Abends dagegen, für «die richtigen Sachen», sitzt Jochen Kelter am Sekretär im Wohnzimmer. Eine Denknische, umrahmt von einsortierten Briefen und wenigen ausgesuchten Erinnerungsstücken, darunter die Photographie der Grossmutter als junge Frau mit Jochen Kelters Mutter auf dem Schoss – «beide zusammen jünger als der Enkel und Sohn», wie er im Gedicht «Mutter, Grossmutter» über dieses Bild schreibt.

Kein Telefon stört ihn zu dieser Stunde, keine Nachricht muss mehr verschickt, nichts organisiert oder abgemacht werden. Die Bücher, in eigens eingebauten Regalen, nach Sprachen und Sachgebieten geordnet, warten in gebührlichem Abstand. Wie die täglich gelesene NZZ geben sie oft Schreibimpulse, mischen sich ins Denken ein; Jochen Kelter nimmt sie gern zur Hand – etwa die in Leder gebundenen Klassikerbände der französischen Bibliothèque de la Pléiade.

Der Bleistift formt Gedanken

Beim Schreiben aber reduziert er das Material aufs Wesentliche. Es genügen Bleistift und Radiergummi, die Blätter für erste Entwürfe mit Korrekturen und Streichungen, die er in transparenten Hüllen sammelt. Das Schreibgefühl mit dem Bleistift komme dem Denken entgegen, sagt er; die Handschrift helfe, wenn er noch auf der Suche nach der richtigen Form sei. Erst spätere Fassungen überarbeitet er am Laptop. Einmal im Jahr wird ein dickes Bündel abgeholt und als «Vorlass» ins Bregenzer Felder-Archiv gebracht. Doch vieles ist bis dahin längst verschwunden; Kelter hortet nicht kistenweise Dokumente und beschriftete Zettelchen. Eher sieht er sich als Minimalist – mit hohen Ansprüchen an sich und die Welt.

Vor fast vierzig Jahren kam er als Stadtmensch an den Bodensee; am Schweizer Ufer ist er sesshaft geworden, «bestens integriert als Aussenseiter», wie sein langjähriger Freund Stefan Keller, Leiter des von Kelter mitbegründeten Bodmanhauses in Gottlieben, über ihn sagt. Wo immer Jochen Kelter den Mund aufmacht, geht er als Ostschweizer durch. Der See und die Grenze, das Land, das keines mehr ist, eher Agglo – es sind die bestimmenden Themen in Kelters Texten.

Paris–Ermatingen retour

Dabei hat er noch einen dritten Schreibtisch: in Paris, wo er regelmässig mehrere Wochen im Jahr verbringt. Kehrt er dann nach Ermatingen zurück, muss er sich erst wieder an die dörfliche Stille gewöhnen. Ob er hier zu Hause ist? «Ich habe den fremden Blick verloren und die Gegend ihre Seele», antwortet er in einem Essay. Der Kosmopolit im beschaulichen Dorf am See: Vielerorts zu Hause, doch nirgendwo heimisch.

Bettina Kugler

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