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Kino: Plötzlich hat er einen Sohn und verliert ihn gleich wieder

Skandalös und unergründlich ist der Tod. Der israelische Regisseur Savi Gabizon schuf in «Longing» eine Tragödie voller Witz, eine tieftraurige Komödie, die es poetisch und emotional in sich hat.
Geri Krebs
Ariel, brillant gespielt von Shai Avivi, trauert um einen Sohn, den er nie kennen gelernt hat. (Bild: Trigon)

Ariel, brillant gespielt von Shai Avivi, trauert um einen Sohn, den er nie kennen gelernt hat. (Bild: Trigon)

Ariel ist ein erfolgreicher Unternehmer in Tel Aviv und steht ständig unter Stress. In der Anfangsszene sieht man den Mittfünfziger nervös eine stark befahrene Strasse überqueren und auf ein gediegenes Restaurant zusteuern. Durch die Scheiben erblickt man eine Frau, die Ariel an einem gedeckten Tisch erwartet.

Es ist Ronit, seine ehemalige Lebenspartnerin, von der er sich vor 20 Jahren getrennt und mit der er seither keinen Kontakt mehr hatte. Nun hat sie ihn angerufen, wollte ihn dringend treffen. «Ich habe aber nur 45 Minuten Zeit», sagt er ihr gleich nach der Begrüssung, «das hab ich dir ja schon am Telefon erklärt.»

Ein Sohn taucht auf und verschwindet sofort wieder

Nach ein wenig Smalltalk lässt Ronit die erste Bombe platzen: «Als ich damals von dir wegzog, merkte ich, dass ich schwanger war. Und beschloss, das Kind zu behalten. Ich bekam Adam, den wunderbarsten Sohn, vor 2 Monaten ist er 19 geworden».

Für eine halbe Minute schwebt Ariel zwischen Staunen und seltsamen Glücksgefühlen, als Ronit die zweite Bombe platzen lässt: Vor zwei Wochen nahm Adam ihr Auto, verlor bei einer Brücke die Herrschaft über das Fahrzeug und war sofort tot.

Acht Minuten dauert diese Szene, Ronit wird von Weinkrämpfen geschüttelt, Ariel weiss nicht, wie ihm geschieht, und als Zuschauer ist man erleichtert, als die Sequenz abbricht und man Ariel – wieder gestresst – in seinem Auto sieht. Doch für ihn ist nichts mehr wie zuvor, sein ganzes bisheriges Leben scheint vergessen, fortan dreht sich sein Dasein, dreht sich seine «Sehnsucht», so die Übersetzung des Filmtitels, um eine Frage: Kann man um einen Menschen trauern, den man nie gekannt hat?

Wer glaubt, dass Regisseur Savi Gabizon und sein grossartiger Hauptdarsteller Shai Avivi – in Israel bisher als Komödiant bekannt – auf der Suche nach einer Antwort auf dieses philosophisch anmutende Dilemma ein lastendes Trauerspiel entwickeln werde, sieht sich aufs Angenehmste überrascht. Die Obsession von Ariel, mehr über das Leben seines Sohnes zu erfahren, jene Menschen kennenzulernen, die ihm nahe waren, führt ihn nämlich mit jeder Begegnung in immer surrealer anmutende Situationen.

«Bester Freund» entpuppt sich als Drogendealer

Das beginnt mit Adams angeblich bestem Freund, der sich als dreister Drogendealer entpuppt, führt weiter zu Adams schöner Lehrerin Yael, die seine gar nicht so unglückliche grosse Liebe war, und geht weiter zu einer folgenreichen Begegnung auf dem Friedhof mit einem Mann, der ebenfalls kürzlich ein Kind im Teenageralter verloren hat.

Wie Trauer zu einem poetischen und absurden Vexierspiel werden kann, das führt «Longing» mit einer unglaublichen Leichtigkeit vor. Der Film hat eine Gemeinsamkeit mit einem anderen grossartigen Werk aus Israel, das kürzlich in den Kinos zu sehen war: «Foxtrot» von Samuel Maoz.

Doch während dort der Nahostkonflikt zumindest indirekt mit hineinspielt, verzichtet «Longing» darauf. Savi Gabizons Tragikomödie erzählt vielmehr eine universelle Geschichte mit poetischer Schönheit: Der Tod ist in jeder, in jedem sozialen und politischen Kontext ein Mysterium, ein Skandal und stets auch irgendwo absurd. Diese Erkenntnis hat schon lange kein Film mehr so bewegend vermittelt.

«Longing» läuft ab Donnerstag, 9. August, im Stattkino Luzern.

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