Plötzlich war Frau Müller weg

Mitten in den Proben kam das Autorenveto für das Chössi-Theater. Kein Wort dürfe man an «Frau Müller muss weg» verändern. Regisseurin Barbara Bucher ist vor den Kopf gestossen. Das Ensemble spielt nun Urs Widmers «Top Dogs».

Hansruedi Kugler
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Statt «Frau Müller muss weg» spielen sie halt «Top Dogs»: Die Darsteller des Chössi-Theater-Ensembles. (Bild: Livio Pagelli)

Statt «Frau Müller muss weg» spielen sie halt «Top Dogs»: Die Darsteller des Chössi-Theater-Ensembles. (Bild: Livio Pagelli)

LICHTENSTEIG. In ihren 18 Jahren Regiearbeit ist Barbara Bucher so etwas noch nie passiert: Mitten in den Proben für das Stück «Frau Müller muss weg» kam das Veto des Autors Lutz Hübner. Er habe im Sommer einige Inszenierungen auf deutschen Bühnen gesehen, war nicht erfreut und habe die Reissleine gezogen, hiess es vom Verlag: Ab sofort dürfe bei Inszenierungen seines Erfolgsstücks kein Wort mehr verändert werden, keine Person hinzugefügt, keine Person gestrichen werden. Dem Theaterverlag war das zwar peinlich, denn die mündliche Zusage hatte der Verlag schon gegeben. Aber der Autor habe das Recht, Bedingungen zu stellen. Für Barbara Bucher bedeutete das zwei schlaflose Nächte. Die Proben mit dem Laienensemble waren weit fortgeschritten, die Premiere auf den 12. November angesetzt.

Aktuelles Schulthema

«Frau Müller muss weg» ist eines der meistgespielten Stücke auf deutschen Bühnen und kam dieses Jahr auch in die Kinos. Sein Erfolg hat mit dem Thema zu tun und ist mit ein Grund für Barbara Buchers Stückwahl: Am Elternabend versuchen die Eltern, Klassenlehrerin Müller zum Rücktritt zu bewegen. Denn die Noten ihrer Sprösslinge werden immer schlechter, der Übertritt ins Gymnasium ist gefährdet. Die Drohung mit dem Anwalt überdeckt die tiefe Unsicherheit der Eltern. Lutz Hübner hat eine alltagsnahe und tiefsinnige Komödie geschaffen. «Auch wenn unser Schulsystem durchlässiger ist, erlebe ich in den Kantonsschulen oft einen ungeheuren Leistungsdruck», sagt Barbara Bucher. Das Thema brenne den Leuten unter den Fingern.

«Vorgabe ist unsympathisch»

Deshalb bedauert sie den Rückzieher von Lutz Hübner ausserordentlich. Denn 90 Prozent der Theaterautoren freuen sich über Inszenierungen, sagt Barbara Bucher, die nach ihrer Schauspielausbildung unter anderem beim berühmten Christoph Marthaler Regieassistentin war. Dass sie sich an die unvermittelte und rigide Vorgabe halten würde, kam für sie nicht in Frage: «Macht es Sinn, ein Stück Wort für Wort abzuspulen? Für uns sicher nicht», sagt Bucher. Sie hatte unter anderem vier Figuren hinzugefügt. «Eine solche Vorgabe finde ich aber einfach unsympathisch.» Alle Theatergruppen, die derzeit an den Proben zu diesem Stück sind, müssen sich an Hübners Vorgabe halten. «Es gibt Gruppen, die standen eine Woche vor der Premiere», sagt Bucher.

Widmer gab freie Hand

Die rechtliche Abklärung hat ergeben: «Man riskiert, dass nach der Premiere die Polizei im Theater steht.» Dieses Risiko wollte sie nicht eingehen. Nach zwei schlaflosen Nächten war die Lösung gefunden. Barbara Bucher erinnerte sich an die Uraufführung von Urs Widmers «Top Dogs» am Neumarkt-Theater in Zürich vor 20 Jahren. Die Abklärung beim Verlag der Autoren ergab: Der verstorbene Urs Widmer hat den Regisseuren völlig frei Hand gelassen. Und das Thema «ausgemusterte Manager» sei immer noch genauso aktuell wie das Schulthema, findet sie – auch im Toggenburg: «Das Thema Kaderleute und deren Scheitern versteht man auch hier, nicht zuletzt seit dem Niedergang der Heberlein Textilfabrik in Wattwil.» Das Ensemble zieht mit: Alle Darsteller haben im neuen Stück eine Rolle, die Proben wurden wegen der Nähe zur Premiere verdoppelt. Auch die Kosten halten sich im Rahmen: Pro Aufführung zahlt das Chössi-Theater 130 Franken an den Verlag.

Top Dogs Chössi-Theater Lichtensteig 12., 13., 14, 15. November

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