Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Von Peking nach Urnäsch: Yu Hao erzählt in ihrem Dokfilm, wie sie im Appenzellerland heimisch wurde

Vor 15 Jahren liess sie in China einen guten Job beim Fernsehen und ihre Familie zurück. Und entdeckte schliesslich ein neues Gefühl – das Heimweh nach ihrer Wahlheimat.
Christina Genova
In ihrer ersten Zeit in der Schweiz war die Filmkamera Yu Haos ständige Begleiterin. (Bild: PD)

In ihrer ersten Zeit in der Schweiz war die Filmkamera Yu Haos ständige Begleiterin. (Bild: PD)

Der Titel ihres Films «Plötzlich Heimweh» hat für Yu Hao eine besondere Bedeutung. Denn lange wusste sie nicht, was Heimweh ist. Die 42-Jährige, die in Nordchina geboren wurde, hatte nie länger als acht Jahre am selben Ort gelebt und empfand sich als Weltbürgerin. Bis sie sich 2005 in der Schweiz niederliess. Hier fragte man sie häufig: Wo ist deine Heimat? Hast du Heimweh, Hao? «Ich hatte darauf keine Antwort», sagt die Regisseurin, die Protagonistin ihres eigenen Dokumentarfilms ist.

In China hatte Yu Hao ein eigenes Samstagabendprogramm beim Staatsfernsehen, reiste als Reporterin von Peking aus rund um die Welt. 2002 kam sie zum ersten Mal für eine Reportage in die Schweiz und verliebte sich zuerst in die Landschaft, dann in Ernst Hohl. Den Stifter des «Haus Appenzell» in Zürich, der in Urnäsch wohnt, verbindet eine grosse Liebe zum Appenzellerland und zu dessen Volkskultur (siehe Kasten). 2013 unternahm das Ehepaar eine längere Reise nach Asien. Plötzlich, beim Frühstück, überkam es Yu Hao:

«Ich wollte unbedingt nach Hause, nach Urnäsch. Und es schmerzte mich, dass dies nicht möglich war.»

Chlausebickli und Hochzeitstiger

Seit zehn Jahren organisiert Yu «Hao im «Haus Appenzell» in Zürich regelmässig Ausstellungen, in welchem sich Appenzeller und chinesische Traditionen begegnen. Dieses Jahr werden unter dem Titel «Zuckerschleck und Mehlgebäck» zum einen weihnachtliche Backtraditionen aus Innerrhoden vorgestellt: ­farbenprächtige, handbemalte Lebkuchen, sogenannte «Chlausebickli» und «Devisli» – kunstvolle Zuckerteigbildchen. Dargestellt werden Szenen aus dem bäuerlichen Alltag und Brauchtum.
Andererseits sind zum ersten Mal überhaupt in der Schweiz aus Mehlteig gefertigte Teigfiguren aus China zu sehen. Die farbenfroh bemalten Glücksbringer werden für Feste angefertigt, zum Beispiel zwei prächtige Hochzeitstiger. Die Tradition reicht mehr als 2000 Jahre bis in die Han-Dynastie zurück. Ergänzt wird die Ausstellung durch interaktive Animationen und einen Dokumentarfilm. (gen)
25.10.–25.4., Haus Appenzell, St. Peterstrasse 16, Zürich; Rahmenprogramm und Katalog.

Seither hält sie es nicht aus, länger als drei Wochen ins Ausland zu verreisen.

300 Stunden Filmmaterial

Doch warum empfand sie plötzlich Heimweh? Diese Frage liess sie nicht mehr los. Denn mit dem Wort «Heimat» verband die kleine, zierliche Frau den Ort, wo die Familie, wo Freunde leben: «In der Schweiz habe ich nur wenig Freunde und keine Familie, nur Ernst.» In ihrem Film begibt sich Yu Hao auf die Suche nach Antworten. Das erste Material dafür entstand schon vor zwölf Jahren, als sie noch nicht lange in der Schweiz lebte und kein Wort Deutsch sprach. Wenn sie mit Ernst Hohl unterwegs war, war die Kamera ihre ständige Begleiterin.

Sie filmte, um die Sprachlosigkeit zu überbrücken und um die eigene Verlegenheit zu verbergen. Sie filmte aber auch staunend die neue Welt, die sich ihr auftat, und schleppte die Kamera im Rucksack auf mehrstündige Bergwanderungen im Alpstein.

Je besser Yu Hao Deutsch beherrschte, je vertrauter ihr Menschen und Landschaft wurden, desto weniger filmte sie. Schubladen und Schränke füllten sich, schliesslich kamen gegen 300 Stunden Film zusammen. «Was willst du damit?», fragte sie ihr Mann. Als Fernsehproduzentin wusste sie, dass daraus nur ein Film werden würde, wenn sie das Material radikal sortierte. Ein Jahr lang stand Yu Hao jeden Morgen um
5 Uhr auf, um es zu sichten, bis sie es schliesslich auf 40 Stunden reduziert hatte. Zuerst wollte sie nur schöne Aufnahmen von Brauchtum und Landschaft zusammenstellen, bis ihr klar wurde, dass der Film sie als Protagonistin brauchte.

Yu Hao auf dem Friedhof in China. (Bild: PD)

Yu Hao auf dem Friedhof in China. (Bild: PD)

Zum Schneiden des Films zog Yu Hao mit Fabian Kaiser einen externen Cutter bei: Sechs Monate investierte sie dafür. Zum ersten Mal in ihrem Leben nahm sie sich Zeit zurückzuschauen – ein wichtiger, aber auch schwieriger Prozess.

«Ich hatte das Gefühl, überhaupt nicht angekommen, nur Zuschauerin zu sein, das machte mich traurig.»

In jener Zeit starben kurz nacheinander Yu Haos Grossmutter und Vater. Sie schaffte es nicht, rechtzeitig nach China zu reisen. Was ihr in jener Zeit half, war die Erinnerung an die Begegnungen mit vielen bodenständigen Leuten, die sie tief berührt hatten: mit dem Bauernmaler Johann Hautle, der noch so lebt wie vor 100 Jahren. Mit dem 13-jährigen Chläus Anderegg, der den ganzen Sommer alleine auf der Alp verbringt. Oder dem tiefgläubigen Bauern Ruedi Manser. Alle drei treten in Yu Haos Film auf.

Arbeit schafft Heimat

Yu Hao filmt einen Schuppel am Silvester. (Bild: PD)

Yu Hao filmt einen Schuppel am Silvester. (Bild: PD)

Yu Hao wurde bewusst, dass ihr die hiesigen Lebensgewohnheiten längst nicht mehr fremd waren. Das Appenzellerland ist zu einem Ort geworden, wo sie sich zugehörig fühlt. Wo sie am Silvester kribbelig wird und sich freut, dass endlich die Schuppel vorbeikommen. Und wo sie ihre innere Ruhe gefunden hat. Wichtig, um anzukommen, war auch die Arbeit: «Arbeit schafft Heimat», sagt sie, die seit 2006 Kuratorin im Haus Appenzell ist. Yu Hao hofft, dass sich ihre Zuschauer selbst die Frage stellen, was ihnen Heimat bedeutet: «Dann bin ich zufrieden.»

Hinweis

Vorpremieren: 23.11., 20 Uhr, Cinétreff Herisau; 25.11., 19.30 Uhr, Liberty Weinfelden; 26.11., 19.30 Uhr, Kino Rosental Heiden. Premiere: 28.11., 20 Uhr, Kinok St.Gallen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.