Plötzlich bist du mittendrin: Das Theater Bilitz will mit neuem Stück zum Gespräch provozieren

Mit dem Jugendstück «S.O.S.» bringt das Theater Bilitz das Thema Depression auf die Bühne. Und zwar interaktiv: Die Zuschauer (ab 13) sollen und dürfen sich zum Bühnengeschehen äussern. Und selber auf der Bühne die Frage spielerisch beantworten: Was hätte ich gemacht?

Bettina Kugler
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Bilitz-Theaterleiter Roland Lötscher (links) spielt in «S.O.S.» den Vater eines depressiven Mädchens.

Bilitz-Theaterleiter Roland Lötscher (links) spielt in «S.O.S.» den Vater eines depressiven Mädchens.

Bild: Andrea Stalder

Schon wieder funkt die Psychomusik aus dem Off dazwischen. «Stell’s ab!», ruft Sonia Diaz von der kleinen Bühne herab zu Agnes Caduff, die mit der Fernbedienung am Regietisch steht. Aber die Endlosschleife führt an diesem Nachmittag ein Eigenleben.

Es dauert ein Weilchen, bis der Sound die kurzen Szenen im genau richtigen Mass vorantreibt, jedoch nicht überdeckt. Hin und wieder bleibt auch das «S.O.S.»-Startbild mit dem rot-weissen Rettungsring auf dem grossen Flachbildmonitor hängen. Probenalltag im Theaterhaus Thurgau.

Aktuelles Thema, das tabuisiert wird

Das fünfköpfige Schauspielerteam, darunter Theaterleiter Roland Lötscher, ist eine Woche vor der Premiere des neuen Stücks für Menschen ab 13 auf der Zielgeraden; gefeilt wird nun an der Technik. Wenn der Laptop punktgenau liefert, was er soll, wird schnell sichtbar, worum es geht auf dem Podium und im Saal: um den diffusen Zustand zwischen Stimmungstief und Depression am Beispiel einer 16-Jährigen, Lorena.

Mit ihr bekommt das Tabuthema ein Gesicht. Drei Menschen aus ihrem Umfeld rücken mit ins Bild: der Vater, der sie in ihrer Lust- und Appetitlosigkeit nicht ernst nimmt, der flapsige Schulkollege in Dauerpartylaune, die Sportlehrerin und Trainerin mit ihrem fruchtlosen Versuch, Lorenas Ehrgeiz anzustacheln.

Die kurzen «Trailer»-Szenen werden später im Stück aufgenommen und vertieft. Eingebettet sind sie in einen Live-Talk: Agnes Caduff moderiert, die anderen sitzen als «Studiogäste» auf säulenartigen Hockern. Bequem sieht anders aus – das passt zum Thema Depression bei Teenagern.

«Es ist aktuell und wird doch tabuisiert», sagt Roland Lötscher im Gespräch während der Kaffeepause. «Wir haben es schon länger im Auge, auch weil wir zum Teil persönlich mit Betroffenen konfrontiert waren und sind.» Das Stück will Jugendlichen, Eltern, Lehr- und Betreuungspersonen eine Plattform bieten, darüber zu reden. «Das geht leichter mit einem solchen Beispiel und in diesem Rahmen. Die Hemmschwelle ist niedriger, wenn es nicht zu persönlich wird.»

Gegenseitiger Austausch ersetzt die Regie

Den Text haben sie im Team gemeinsam entwickelt und dabei den Figuren Kontur gegeben. Die Übergänge zwischen Spiel und Interaktion mit dem Publikum sind festgelegt. Jetzt ist Zeit für Details. Stimmt das Tempo? Sind die drei Eingangsszenen nicht zu kurz, stimmt das Verhältnis? Wann genau wird «eingefroren», wann wieder aufgelöst?

Jeder beobachtet jeden; der gegenseitige Austausch ersetzt die Regie. Ohnehin ist «S.O.S» kein konventionelles Stück, sondern als Forumtheater eine offene, interaktive Form. Sie bietet Stoff an, will ein Gespräch provozieren, das Publikum ins Spiel bringen, schon während der Vorstellung.

Das Publikum soll bei «S.O.S.» nicht eintauchen ins Bühnengeschehen, sondern mitdenken - und mitreden.

Das Publikum soll bei «S.O.S.» nicht eintauchen ins Bühnengeschehen, sondern mitdenken - und mitreden.

Bild: Andrea Stalder

Das Theater Bilitz leistet seit seiner Gründung im Jahr 1988 auf diesem Feld künstlerische Pionier- und Knochenarbeit. Gespielt wird überwiegend auswärts, in Schulen, für Jugendliche. Allein die Produktion «Kids & Alk» war 499 Mal zu sehen. «S.O.S» ist nun das fünfte Stück dieser Art, neben zahlreichen anderen Produktionen.

Zuschauer dürfen und sollen sich äussern

Die Zuschauer sollen beim Forumtheater nicht «eintauchen», keine geschlossene Geschichte serviert bekommen, sondern mitdenken. Sie werden direkt angesprochen, dürfen und sollen sich äussern zum Gesehenen und in einem zweiten Schritt eingreifen, selbst auf der Bühne spielerisch ausprobieren: Was hätte anders laufen können? Was hätte ich gemacht?

Das Stresspotential vor Publikum, im Rampenlicht ähnelt meist dem von Betroffenen in der gespielten Situation: So wird die Bühne zum Labor realen Handelns. «Es geht nicht um richtig oder falsch», sagt Schauspielerin Christina Benz, «und auch nicht darum, ob es von den Freiwilligen, die sich nach vorn trauen, gut oder schlecht umgesetzt wird.»

Das Stück «S.O.S» des Theater Bilitz will Jugendlichen, Eltern, Lehr- und Betreuungspersonen eine Plattform bieten, über Depression zu reden.

Das Stück «S.O.S» des Theater Bilitz will Jugendlichen, Eltern, Lehr- und Betreuungspersonen eine Plattform bieten, über Depression zu reden.

Bild: Andrea Stalder

Das körperliche Erlebnis im Spiel sei wesentlich nachhaltiger, als wenn man nur theoretisch bleibe und diskutiere: eine Lernerfahrung, die Theater in geschütztem Rahmen bieten könne, davon ist Agnes Caduff überzeugt. Die Zuschauer können so an ihre Lebenssituation anknüpfen, ihre eigene Sicht einbringen. «Es freut mich, wenn ich hinterher einen sagen höre: Isch voll real gsii!», sagt Michael Fuchs.

Für Lösungen gibt es die Fachstellen

Auch bei den Theaterprofis ist Mut gefragt. Sie müssen das Eis brechen, sich auf das jeweilige Publikum, seine Reaktion oder Zurückhaltung einstellen, inhaltlich improvisieren: Forumtheater setzt Wachheit und Sensibilität voraus.

Lösungen bieten können und wollen sie nicht. «Dafür gibt es die Fachstellen», sagt Roland Lötscher, «wir sind nur Schauspieler.» Die 147 aber kommt zumindest vor im Stück: als Internetadresse und Notfallnummer für die eigenen und echten Krisen.

«S.O.S.» vom Theater Bilitz, Premiere 5.2.2020, 19.15 Uhr im Theaterhaus Thurgau, Weinfelden