Platz da!

Es stand bereits seit 12 Jahren leer, und es sollte weitere fünf Jahre dauern, bis St. Gallen im Jahr 1987 die Wiedereröffnung des Kunstmuseums feiern durfte.

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Bild: by Roman Signer

Bild: by Roman Signer

Es stand bereits seit 12 Jahren leer, und es sollte weitere fünf Jahre dauern, bis St. Gallen im Jahr 1987 die Wiedereröffnung des Kunstmuseums feiern durfte. Viel zu lange für den damals jungen Roman Signer, der am Anfang einer grossen Künstlerkarriere stand; zehn Jahre zuvor hatte die Galeristin Wilma Lock dem Appenzeller Aktionskünstler in der museumslosen Stadt die erste Ausstellung ausgerichtet.

Als Roman Signer 1982 Jahren in dem maroden Bau im Stadtpark seine subversive Kunstaktion startete, musste er aufpassen, nicht in ein Loch zu fallen und sich dabei das Genick zu brechen. Noch heute schaudert's ihn bei der Vorstellung der damaligen brenzligen Situation in dem zerfallenen Haus. Es regnete durchs Dach, im Oberlichtsaal hatten Nachtbuben (es waren keine Kunstattentäter!) aus Wandverkleidungen ein wärmendes Feuerchen angezündet und dabei riskiert, dass der Rest des historischen Gebäudes in Flammen aufging. Ein eigenes Fahrrad besass Signer damals noch keines. Er ging zum Bahnhof und lieh sich eines aus. Damit fuhr er hinüber ins geschlossene Kunstmuseum; eine Rolle gelbes Klebeband hatte er auf den Packträger geklemmt. Dieses spannte er zwischen die Säulen im Parterre und zog danach seine Runden durch die für die Kunst und das regionale Kunstschaffen «ausgegrenzten» Räume.

Seither hat er manches Fass zum Überlaufen gebracht; ist manche Zündschnur abgebrannt; ist manches Kanu den Rhein hinuntergeglitten; hat manche Kunst-Explosion die Gemüter erhitzt; hat mancher Stuhl die Schwerkraft überwunden, und Roman Signer wurde nicht zum lokalen Kunst-Einbrecher gestempelt, sondern zum internationalen Star der Kunst erkoren. Zuletzt realisierte er vor einigen Wochen eine seiner spektakulärsten Aktionen an der noch bis Ende März laufenden Biennale in Shanghai: Im Turm eines stillgelegten Heizkraftwerks liess er eine mit 800 Kilo blauer Dispersionsfarbe gefüllte, in China für diese Aktion hergestellte Holzkugel aus dreissig Metern Höhe am Boden zerschellen. Als schlüge ein gigantischer Meteorit ins Meer ein, ergoss sich die blaue Farbe mit grosser Wucht wellenartig in den Raum. Ein chinesisches Kamerateam filmte die Aktion aus zwei Perspektiven; die Öffentlichkeit blieb ausgeschlossen, da man das Einstürzen des Turmes befürchtete. Dreissig Jahre nach seiner letzten Velotour durchs hiesige Kunstmuseum könnte er dort eigentlich bald wieder einmal ein paar Runden drehen: Als festliches Adieu für Eule, Luchs, Krokodil und ausgestopfte Fledermäuse… Brigitte Schmid-Gugler

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