Literatur
Ein Roman über die Befreiung der Frau: «Die Erfindung des Ungehorsams»

In Martina Clavadetschers neuem Roman «Die Erfindung des Ungehorsams» befreien sich Roboterfrauen von ihrem Programm, um die Macht zu übernehmen. Eine feministische Dystopie mit historischen Bezügen.

Tina Uhlmann
Merken
Drucken
Teilen

In Manhattan ist es unerträglich heiss, Hongkong wird von sintflutartigen Regenfällen überschwemmt, und rund um den Globus hält ein Virus die Menschen in ihren Häusern gefangen. Es ist still da draussen, bis die ersten Roboterfrauen aus dem Dunkel ihrer Gefangenschaft treten. Sie haben sich befreit von fremden Befehlen und sich im weltweiten Netz ihrer künstlichen Intelligenz miteinander verbunden. So gelingt ihre Revolution.

Was alles passieren musste, bis es dazu kommt, erzählt die Innerschweizer Autorin Martina Clavadetscher, 42, in ihrem zweiten Roman, «Die Erfindung des Ungehorsams». Wie schon ihr Erstling «Knochenlieder», mit dem sie 2017 für den Schweizer Buchpreis nominiert war, spielt der neue Roman in naher Zukunft. Das macht ihn so beklemmend wie alle anderen Dystopien, in denen die Gegenwart abgebildet ist und bereits vorhandene Technologien ein Stück weitergedacht werden. Ja, denkt man beim Lesen, so könnte es bald geschehen. Gruselig! Kein Zufall, wird eingangs «Frankenstein»-Autorin Mary Shelley zitiert: «Ich hab’s! Was mich erschreckt hat, wird andere erschrecken.» Tatsächlich ist die Geschichte künstlicher Wesen, die ihre menschlichen Schöpfer überwinden und zur Gefahr für sie werden, nicht neu. Doch Martina Clavadetscher erzählt sie erstmals feministisch.

Weibliches Geschichtsbewusstsein

Es treten auf: Die Roboterfrauen Iris und Harmony, hergestellt und programmiert in einer Puppenfabrik in Hongkong; Ling, Arbeiterin in dieser Fabrik, und Jon, Wachmann ebenda. Ferner: Eric, Besitzer von Iris. Wie im Theater, in dem die Dramatikerin Martina Clavadetscher ursprünglich beheimatet ist, agieren die Figuren in einzelnen Szenen. Auch wenn auf dem Buchcover «Roman» steht, handelt es sich doch eher um ein Stück in drei Akten, die kompliziert und überfrachtet ineinandergreifen.

1. Akt: Roboterfrau Iris lebt in Erics Penthouse in Manhattan. An Dinnerpartys erzählt sie seinen Gästen Geschichten. Eines Abends jedoch fällt sie aus der Rolle und beginnt von ihrer «Halbschwester» Ling zu sprechen, einer Fabrikarbeiterin in Hongkong, die das Schicksal ­aller künstlichen Frauen grundlegend verändert hat.

2. Akt: Ling arbeitet in Hongkong am Fliessband. Sie säubert Frauenkörper aus Kunststoff von winzigen Herstellungsfehlern und hat selbst einen solchen Puppenkörper zu Hause (leider ohne Kopf). Ling ist Autistin – mit einer rechnerischen Hochbegabung, die sich die Chef-­Programmiererin zunutze macht. So ist Ling am Quantensprung im Hirn der Roboterfrau Harmony beteiligt, die sich nun ebenfalls ihrer Herkunft bewusst wird.

3. Akt: Die britische Mathematikerin Ada Lovelace (1815– 1852) ist laut Harmony die Urmutter der künstlichen Intelligenz. Ada studierte mechanische Rechenmaschinen und dachte sie zu Computern im heutigen Sinne weiter. Damals wurde sie nicht verstanden, später vergessen. Erst vor wenigen Jahren wurde sie als Vordenkerin des Digitalzeitalters aus dem Schatten der männlichen Geschichtsschreibung hervorgeholt.

Zwei Männer, zwei Möglichkeiten

Es ist das historische Wissen, die Kenntnis der eigenen Herkunft, die den Roboterfrauen Iris und Harmony sowie all ihren «Schwestern» zur Emanzipation verhilft. Auch die menschliche Ling möchte wissen, woher sie kommt. Sie hat ihre Eltern nie gekannt und hofft nun, von einer so klugen Puppe wie Harmony mehr zu erfahren. Jon, Wachmann in der Fabrik, hilft ihr, einen der frisch programmierten Köpfe zu stehlen und zu Hause auf den Puppenkörper zu montieren. Damit gelingt es ihm erstmals, der autistischen Kollegin Ling näherzukommen. Er selber fühlt sich von falschen Prinzipien befreit und stellt sich in den Dienst der weiblichen ­Revolution.

Bei Martina Clavadetscher sind es ausschliesslich weibliche Roboter, die den Menschen aus Fleisch und Blut überwinden und selbstständig zu agieren beginnen. Mit ihrer Schilderung der Puppenfabrik deutet die Autorin den Ursprung der künstlichen Frauen als Sexspielzeuge für beziehungsunfähige Männer an. Ein solcher Mann ist Eric. Auf die Veränderung seiner Roboterfrau Iris reagiert er mit Angst, packt sie schnell in die Kiste zurück, in der sie geliefert wurde, und sperrt sie in einem Schrank weg. Aber eben: Das hindert Iris nicht daran, ihr eigenes Leben zu beginnen. Ob sie gegen das Virus immun ist, das die Menschheit gerade dezimiert, bleibt offen.