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Picasso, ganz zart

Der Fondation Beyeler gelingt eine Gratwanderung: Sie inszeniert einen Kassenschlager äusserst liebevoll. Und zeichnet den Weg des jungen Pablo Picasso zum Meister des Kubismus nach.
Naomi Gregoris

Sieht so ein junger Mann aus, der gerade seinen zwanzigsten Geburtstag gefeiert hat? Schwer zu glauben. Bleiche Haut, eingefallene Wangen, der Körper versteckt unter einem schweren, dunklen Mantel. Der Blick abgeklärt, leicht genervt. Ein Mann, der die Welt und ihr Leid gesehen hat. Tatsächlich befindet sich der junge Pablo Picasso im Winter 1901, als das Selbstbildnis entsteht, inmitten turbulenter Zeiten. Er steht vor seinem künstlerischen Durchbruch, lebt ein unruhiges, mittelloses Leben zwischen Paris und Barcelona. Im Februar 1901 jagt sich sein Freund, der katalanische Künstler Carles Casagemas, aus Liebeskummer eine Kugel durch den Kopf, mitten im Pariser Café de l’Hippodrome. Für Picasso, der zu der Zeit in Madrid weilt, ein Schlag – und Auftakt seiner heute als «Blauen Periode» bekannten Schaffensphase.

Der Tod seines Freundes bringt ihn, den Maler, der bereits mit 14 Jahren meisterhafte Ölbilder gemalt hatte und vor dem Tod seines Freundes mondäne Figuren der Oberschicht in flirrend bunten Gemälden verewigte, zur Farbe Blau. Die Randfiguren, die er in den folgenden drei Jahren mit einer liebevollen Ehrfurcht auf seine Leinwände bringen wird, sind vorwiegend in melancholische Blautöne getaucht, als liege die Trauer des jungen Künstlers über ihnen wie ein Schleier.

¡Bienvenido a Picasso!

Die Fondation Beyeler begibt sich mit «Der junge Picasso – Blaue und Rosa Periode» auf eine Gratwanderung. Einerseits steht das Genie im Mittelpunkt: der Blockbuster Picasso. Ein Kassenschlager, den man nur zu zeigen braucht, um die Menschen von einem Museumsbesuch zu überzeugen. Picasso will jeder gesehen haben. Die Herausforderung besteht darin, es sich in dieser Sensationslust nicht allzu bequem zu machen und auf die leisen Töne zu achten. Eine gelungene Picasso-Ausstellung setzt nicht auf den Lorbeer des grossen Namens, sondern geht ganz von den Bildern aus: Welche Geheimnisse wahren die weltberühmten und -geliebten Gemälde noch? Was erzählen sie uns über das Innenleben des jungen Picasso?

An den Beginn der Ausstellung setzt Kurator Raphaël Bouvier «Yo Picasso», ein selbstbewusstes Selbstporträt in den leuchtenden Farben des zu der Zeit schwer modischen Postimpressionismus. Es hängt vis-à-vis dem Eingang, ein unmissverständliches Statement. Für Bouvier markiert das Bild den Moment, in dem Picasso sich auf die Suche nach seinem künstlerischen Selbst macht. Eine Suche, die das Thema der Ausstellung bildet, durch zehn Räume hindurch, in chronologischer Abfolge. Auf das farbenfrohe Selbstporträt folgen die blauen Gemälde, angeleitet von der Trauer Picassos über seinen verstorbenen Freund.

Das Selbstporträt Picassos. (Bild: Privatsammlung)

Das Selbstporträt Picassos. (Bild: Privatsammlung)

Sie zeigen Randfiguren der Gesellschaft: Behinderte, Prostituierte, Bettler. Verdiente Aufmerksamkeit bekommt das Werk «La Vie» von 1903, auf dem Casagemas mit seiner Freundin Germaine (ein Modell, das von Casagemas kurz vor dessen Selbstmord angeschossen wurde und darauf zu Picassos Geliebter avancierte) zu sehen ist. Rechts daneben steht eine Frau mit Säugling und dazwischen zweimal eine Trauerlandschaft: kauernde Figuren mit schmerzverzerrten Gesichtern. Das Bild strahlt vor Schmerz, was Bouvier nicht davon abgehalten hat, es an eine eigene Wand zu hängen. Da hängt es, ganz ohne Zerstreuungsgefahr, atmet förmlich in den Raum hinein – das melancholische Zeugnis eines gebrochenen Freundes.

Eine Frau betrachtet "La Vie" von Pablo Picasso. Es ist Teil der "Blauen Periode" des spanischen Malers. Die Trauer des jungen Künstlers legt sich wie ein Schleier über das Bild. (Bild: Keystone)

Eine Frau betrachtet "La Vie" von Pablo Picasso. Es ist Teil der "Blauen Periode" des spanischen Malers. Die Trauer des jungen Künstlers legt sich wie ein Schleier über das Bild. (Bild: Keystone)

Rührende junge Männlichkeit

Ein knappes Jahr nachdem Picasso «La Vie» gemalt hat, zieht er endgültig von Madrid nach Paris. Er bewohnt ein Atelier auf dem Montmartre, wo er bis zum ersten grossen Verkauf seiner Bilder im Mai 1906 ein ärmliches, aber von Freunden (in dieser Zeit lernt Picasso unter anderem Apollinaire und Gertrude Stein kennen) und Geliebten erfülltes Leben führt. Auch in seiner Kunst macht sich der frohe Lebenswandel bemerkbar: langsam schleichen sich Ocker- und Rosatöne in seine blauen Welten. Im August 1904 lernt der 23-Jährige seine erste feste Partnerin, Fernande Olivier, kennen und malt die zärtlichsten Bilder seines Lebens. Sujet ist vorwiegend die Pariser Zirkuswelt: Mit Fernande besucht er häufig Vorstellungen und erkennt sich wieder in den Akrobaten und Harlekinen, mit deren Balanceakten zwischen Stand und Fall, zwischen Show und Privatleben er sich identifiziert.

«Akrobat und junger Harlekin» ist das intimste Bild dieser Zeit. Es zeigt zwei junge Gaukler, die sich gedankenverloren gegenübersitzen, mit ernsten Gesichtern, die Arme rührend verletzlich um den Körper geschlungen. Zu sehen ist in dem Bild nicht nur die feinfühlige Auseinandersetzung mit junger Männlichkeit, sondern auch Picassos Übergang von der Blauen in die Rosa Periode, und – wenn man Raphaël Bouvier glauben will – die ersten Anzeichen einer «Kubisierung» des Körpers. Das Rautenmuster auf dem Kostüm des Gauklers als Indikator für den nahenden Kubismus?

Klassische Formen archaisiert

Bevor das geschieht, unternimmt der junge Künstler im Juni 1906 eine Sommerreise ins katalanische Pyrenäendorf Gósol. In den zehn Wochen, die er in dem Dörfchen verbringt, entstehen sieben grosse Gemälde, zehn mittelgrosse Werke und unzählige Zeichnungen und Aquarelle. Picasso bringt in diesen Bildern immer mehr archaische Elemente ein, er will die klassischen Formen vereinfachen, ja archaisieren.

Es ist der erste Schritt zur radikalen Geometrisierung von Körpern, die zum berühmten «Les Demoiselles d’Avignon» führen wird, jenem Werk, das 1907 den Kubismus einläutet. Auch die Bilder dieser Zeit stellt Bouvier mit Luft und Platz aus, grosszügig und eindringlich. Ans Ende setzt er «Femme (Epoque des ‹Demoiselles d’Avignon›)» aus der Picasso-Sammlung der Fondation Beyeler. Ein cleverer Entscheid: Das Bild der mit wenigen Strichen und maskenartigem Gesicht versehenen Frau weist auf den kubistischen Picasso hin, wie ihn jeder kennt. Es ist das Abschluss- und Auftaktbild einer liebevoll kuratierten Blockbuster-Ausstellung.

Ein Besucher betrachtet am Freitag in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel das Bild «La Mort (La Mise au tombeau)» (1901) von Pablo Picasso. Die Ausstellung «Der junge Picasso - Blaue und Rosa Periode» findet vom 3. Februar bis 26. Mai 2019 statt. (Bild: KEYSTONE/PATRICK STRAUB)
Zwei Besucher betrachten das Bild "La Toilette, 1906" von Pablo Picasso.(KEYSTONE/Patrick Straub)
Ein Besucher betrachtet das Bild «Acrobate et jeune arlequin» (1905). (Bild: KEYSTONE/PATRICK STRAUB)
Claude Picasso vor dem Selbstbildnis von Pablo Picasso mit dem Titel «Autoportrait» (1901) am Freitag in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel. (Bild: KEYSTONE/PATRICK STRAUB)
Eine Frau betrachtet das Bild von Pablo Picasso "La Vie, 1903" fotografiert am Freitag, 1. Februar 2019. (KEYSTONE/Patrick Straub)
Eine Frau betrachtet das Bild "Femme nue assise, les jambes croisees, 1906" von Pablo Picasso. (KEYSTONE/Patrick Straub)
6 Bilder

Fondation Beyeler zeigt spektakuläre Picasso-Schau

«Der junge Picasso – Blaue und Rosa Periode», 3. Februar bis 26. Mai, Fondation Beyeler, Riehen. fondationbeyeler.ch.

Zahlen und Fakten zur Ausstellung

– Konzeption und Vorbereitung der Ausstellung dauerten 4 Jahre.

– Beteiligt waren 41 Leihgeber aus 13 verschiedenen Ländern: Schweiz, Frankreich, Deutschland, Spanien, Italien, Vereinigtes Königreich, Schweden, Fürstentum Liechtenstein, Russland, Tschechische Republik, USA, Kanada und Japan.

– Rund 75 Werke sind auf 10 Räume mit insgesamt 1622 Quadratmeter verteilt.

– Die Werke haben einen Versicherungswert von rund 4 Milliarden Franken. (red)

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