Pianistenlegende Alfred Brendel in Vorarlberg: «Legen Sie da eine Starkstromleitung»

Er zählt zu den grössten Pianisten des 20. Jahrhunderts, gilt als Instanz in Sachen Schubert. Nach dem Ende seiner Karriere hat Alfred Brendel noch genug zu tun: Im Meisterkurs an der Schubertiade im vorarlbergischen Schwarzenberg treibt er jungen Musikern Punkt und Komma aus.

Bettina Kugler
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Schwitzen mit Schubert: Das Eliot Quartett spielt, Alfred Brendel hört zu und ermutigt zu mehr Ausdruck, mehr Emotion, noch mehr Präzision. Ab und zu lacht er auch – kurz, sec, pianissimo. (Bild: Schubertiade)

Schwitzen mit Schubert: Das Eliot Quartett spielt, Alfred Brendel hört zu und ermutigt zu mehr Ausdruck, mehr Emotion, noch mehr Präzision. Ab und zu lacht er auch – kurz, sec, pianissimo. (Bild: Schubertiade)

Hehe – da ist es wieder, dieses trockene, koboldhaft meckernde Lachen, mit dem Alfred Brendel immer wieder die andächtige Stille durchbricht, eine lobende, meist aber kritische Anmerkung anstimmt. Wie ein Leitmotiv zieht es sich durch den Montagvormittag an der Schubertiade, als freundlicher Akzent, menschliche Regung im konzentrierten Hören.

«Hehe, das klingt wunderschön, aber können Sie den Zuhörern den Eindruck geben, dass das da nicht einfach normale Noten sind?» Oder: «Hehe, das wirkt ziemlich ausgedacht, wie ein Doppelpunkt. So nach: ‹Da haben wir uns was vorgenommen, das ziehen wir jetzt durch›.»

Ein Vortragsreisender, inzwischen ohne Flügel

Ausgerechnet er sagt das, dem oft vorgeworfen wurde, eine Spur zu verkopft zu spielen – einer, der auch nach seinem Abschied vom Konzertpodium vor gut zehn Jahren, nach fast sechs Jahrzehnten weltweiter Konzerttätigkeit nicht aufgehört hat, intensiv nachzudenken über Musik – in Essays, Vorträgen und brillant geschriebenen Büchern.

Oder in geistreichen Plaudereien unter Fachleuten, mit Martin Meyer etwa, ehemals Feuilletonchef der «NZZ». Oder mit dem Musikwissenschafter Peter Gülke, wie am kommenden Freitag in Schwarzenberg. Immer jedenfalls sitzt Brendel vor neugierigem Publikum; Leuten, die gern wissend hören, ihr Ohr für Schubert und Beethoven, Mozart und Haydn sensibilisieren möchten. Selbst wenn es dazu schon ein Hörgerät braucht.

So auch beim Meisterkurs an der Schubertiade. «Eines der besten jüngeren Quartette» begrüsst Brendel an diesem Morgen: das 2014 in Frankfurt gegründete Eliot Quartett. Drei Stunden lang gibt er den aus Russland, Kanada und Deutschland stammenden Musikern den Feinschliff für ihre Schubert-Interpretation – er, den der Musikkritiker Joachim Kaiser einmal schlicht «den Schubert-Interpreten seit 1950» genannt hat.

Im Gänsemarsch sind die vier an den Zuhörern vorbei in den Saal getreten, hinter ihnen, in gebeugtem Andante, auf den Gehstock gestützt, der Weltstar a. D., 88 Jahre alt, leise und weise.

Wie ein Dirigent, der sich ausruht

Draussen im Stiegenhaus wuseln Primarschüler auf und ab, ziemlich gesittet, aber doch ungestüm im Vergleich zu den Damen und Herren, die derweil im Kleinen Dorfsaal schwitzen, sich zu Schuberts Streichquartett G-Dur Luft zufächeln und lauschen, was Brendel zum Spiel der Eliots zu sagen hat.

Zu sehen ist nicht viel von ihm: nur der strubbelige Haarkranz, ab und zu eine kleine Handbewegung, ein wenig dirigierend, ein Tremolo markierend, etwas sanft wegwischend. Wie ein Dirigent, der sich ausruht, sitzt er vor dem Quartett, dreht dem Publikum den Rücken zu.

Pianist Alfred Brendel gilt als der Schubert-Interpret. (Bild: PD)

Pianist Alfred Brendel gilt als der Schubert-Interpret. (Bild: PD)

Doch es genügt auch, ihm zuzuhören. Sich mit ihm gedanklich nach Wien im Jahr 1823 zu begeben, dem Komponisten Schubert über die Schultern zu blicken, zu hören und tiefer zu verstehen, wie dieser in seinen letzten Lebensjahren Quartette schreibt, die zum Kühnsten gehören, was die Kammermusik vor dem 20. Jahrhundert zu bieten hat.

Väterlich der Ton, die Ohren unerbittlich

Erst lässt Sir Alfred die Musiker jeden Satz vollständig durchspielen, danach kommen sie selten über ein paar Takte hinaus. Väterlich ist sein Ton, doch das Ohr ist unerbittlich: Er will es genau haben, jede noch so kleine Note hören, vor allem im Pianissimo. Manchmal kann er sich auf seine verhaltene Art wie ein Kind freuen:

«Jetzt wird’s elektrisch!»

Nicht gemütlich soll die Passage klingen, «legen Sie da eine Starkstromleitung». Von Geigerin Maryana Osipova will er einen noch aufregenderen Triller, Cellist Michael Preuss schaut beim Spielen gern neugierig in Richtung Meister, dessen Blick hinter den Brillengläsern erforschend.

Am Büchertisch vor dem Saal liegen ausgewählte Werke Alfred Brendels, «Über Musik», «Das A bis Z des Pianisten» oder «Nach dem Schlussakkord». Diesen möchte er von den Eliots feuriger haben, gewaltig, «mit dem Kopf durch die Wand». Es stimmt also nicht, das Klischee des Intellektuellen am Flügel. Musik, sagte er einmal, beginne und ende im Gefühl, der Verstand aber diene als Filter. Auch dazu wird er, hehe, leise gelacht haben.

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