Pianist mit Denkkraft

Krystian Zimerman begeisterte in Vaduz. An einem seiner selten gewordenen Klavierabende interpretierte er mit viel Tiefgang Brahms und Chopin.

Martin Preisser
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Der polnische Pianist Krystian Zimerman war im Fürstentum Liechtenstein zu Gast (hier auf einer Fotografie am Lucerne Festival). Bild: Nadia Schärli

Der polnische Pianist Krystian Zimerman war im Fürstentum Liechtenstein zu Gast (hier auf einer Fotografie am Lucerne Festival). Bild: Nadia Schärli

Wunderbar, dass es dem Intendanten des Theaters Liechtenstein, Thomas Spiekermann, immer wieder gelingt, ganz Grosse der Musikszene zu engagieren. Jetzt also den begnadeten Denker am Klavier, Krystian Zimerman. Ein Weltstar, der den Rummel seit Jahren scheut und sich an einem abgelegeneren Auftrittsort wie Vaduz sichtlich wohl zu fühlen scheint. Fast grüblerisch reflektiert er seit Jahren intensiver über Musik nach als sie immer wieder gleich abzuspulen.

So ist auch Zimermans Interpretation von Johannes Brahms’ dritter Klaviersonate op. 5 keine sauber und routiniert geglättete. Der Künstler Zimerman scheint in diesem genialen Jugendwerk dem Menschen Brahms oder dem Rätsel Mensch überhaupt auf der Spur zu sein.

Er lässt sich auf das Risiko des Spontanen ein

Zimerman benutzt seine grossartigen technischen wie klanglichen Ressourcen (seit seinem Gewinn des Chopin-Wettbewerbs liegen 45 Jahre zurück!) nicht für ein glanzvolles Polieren, sondern für eine spontane, sich auf das Risiko des unmittelbaren Nachsinnens im Konzert einlassende Sicht. Mit dem Ergebnis, dass hier alles aus innersten Tiefen zu fliessen scheint, dass Gefühle der Kraft, aber auch der Zärtlichkeit ganz aus der Musik selbst fliessen. Zimerman sucht nach dem Sinn hinter den Noten. Bei seinem Landsmann Chopin führt dies in den (von vielen viel zu oft nur bravourös gespielten) vier Scherzi zu einer Freilegung auch von scharfen Kanten und schroffen Gegensätzen, zu einem Chopin, der fast wild neugedacht und so extrem aufwühlend wirkt.