Phantastische Realität

LESBAR MILIEUSTUDIE

Erika Achermann
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Bild: Erika Achermann

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LESBAR MILIEUSTUDIE

Anna Katharina Hahn, 1970 geboren, lebt in Stuttgart und hatte einen Traum: Sie habe ihre Eltern an einem heissen Augusttag tot im Schlafzimmer aufgefunden, ihnen die schönsten Kleider angezogen und die Toten auf zwei Sessel drapiert. Nach drei Tagen seien sie klein wie Puppen gewesen, kaum noch erkennbar. Diese träumerische Phantasie regte die Autorin an, den Roman «Das Kleid meiner Mutter» zu schreiben. Im Roman zieht die Tochter Ana Maria ein Kleid der Mutter an, geht aus dem Haus; im Feriendorf in Spanien verwechseln sie die Leute denn auch mit ihrer totgeglaubten Mutter. Der Roman spielt einerseits im wohlsituierten Milieu in Stuttgart, teils in Madrid und im Ferienort in Spanien, das 2012 in eine Wirtschaftskrise geschlittert war. Die jungen Spanier finden keine Jobs mehr, kehren ins Haus der Eltern zurück. «Die Alten brauchen uns nicht, aber wir brauchen sie.» Der Sohn fährt nach Deutschland, um trotz Studium auf dem Bau Geld zu verdienen. Anna Katharina Hahns Roman lebt von der dunklen Stimmung im Ferienland, von phantastischen und realistischen Szenen, die ineinandergreifen. Nicht immer sind sie leicht auseinander zu halten, aber doch immer hoch literarisch und geprägt von gesellschaftlicher Klarsicht.

Anna Katharina Hahn: Das Kleid meiner Mutter. Roman. Suhrkamp Berlin 2016. 312 S., Fr. 31.50

Ein Rattenfänger

Alle loben den Schriftsteller Saša Stanišic und das ist richtig. Denn seit dem Erstling «Wie der Soldat das Grammofon reparierte» überzeugt der 1978 im bosnischen Visegrad geborene Stanišic (der als 14-Jähriger vor dem Bosnienkrieg nach Deutschland geflohen ist) mit jedem Buch. Auch diesem dritten, den Erzählungen «Fallensteller». Die Bürger von Fürstenfelde, diesem Dorf in der Uckermark, in dem Saša Stanišic schon für seine vielstimmige Dorfgeschichte «Vor dem Fall» recherchierte, folgen einem Rattenfänger. Mit wildesten Ideen entlockt dieser den Dörflern ihre Geheimnisse, Sehnsüchte, Ängste, indem er sie hätschelt und provoziert. Aber ein vom Schicksal nicht gerade begünstigter alter Mann versucht, sich Ansehen zu verschaffen für sein grosses Spiel der Illusionen. Niemand hört zu, niemand sieht hin. Die Dörfler trinken Bier und Kaffee. So zeichnet Stanišic ein Bild der deutschen Provinz mit wilder Lust und Durchblick. Der klare Leserblick leidet zwar manchmal unter der Lust des Erzählens, liebt man aber das Surreale, das Kafkaeske, das in den Alltag einschlägt, dann hat man mit Stanišic die allerbeste Lektüre.

Saša Stanišic: Fallensteller. Erzählungen. Luchterhand Literaturverlag 2016, 280 Seiten, Fr. 26.90

Bild: Erika Achermann

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