Phantasie ohne Fesseln

The Flaming Lips gehören zu den schrägsten Erlebnissen, welche die heutige Rockwelt zu bieten hat. The Terror heisst ihr neues Album.

Hanspeter Künzler
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Terrorisieren ihre Fans: Die Flaming Lips um Frontmann Wayne Coyne, der seine Hand zum Himmel streckt. (Bild: pd)

Terrorisieren ihre Fans: Die Flaming Lips um Frontmann Wayne Coyne, der seine Hand zum Himmel streckt. (Bild: pd)

Wayne Coyne gehört nicht zu den Reisenden, die am Flughafen mit zusammengekniffenen Augen vor dem Fliessband stehen und krampfhaft versuchen, aus der endlosen Flut von identischen schwarzen Koffer nicht den falschen auszuwählen. Erstens sind seine Gepäckstücke schon wegen ihren schrankartigen Ausmassen nicht zu übersehen, und zweitens hat er sie eigenhändig mit Bändern, Schleifen und Zeichnungen dekoriert.

Die Koffer, die das Hotelzimmer versperren, wo er zum Interview bittet, sind so bunt wie seine Fingernägel und überhaupt seine Garderobe. Seine Löwenmähne hingegen beschränkt sich auf ein Durcheinander von Grautönen – ein würdiges Zugeständnis an den Lauf der Zeit (Coyne hat im Januar den 52. Geburtstag gefeiert). Zugleich ist es ein Hinweis darauf, wie lange schon die eigenartige Reise von ihm und seinen kühnen Wegbegleitern, den Flaming Lips, andauert, nämlich volle dreissig Jahre.

Tolerante Punks als Brüder

Wayne Coyne wuchs in Oklahoma City als zweitjüngstes von sechs Kindern auf. Sein Glück habe darin bestanden, ältere Brüder zu haben, die Verständnis dafür zeigten, dass der Kleine lieber Musik hörte anstatt an ihren brutalen Fussballspielen teilzunehmen. Die Brüder waren Punks: «Es war noch ein ständiger Kampf für sie, anders zu leben, als es die Gesellschaft für sie vorgesehen hatte.» Als Wayne endlich an der Reihe war, seinen eigenen Weg zu finden, sei die Vorstellung, nur der eigenen Nase zu folgen, schon so selbstverständlich gewesen, dass er nie an der Richtigkeit seiner Philosophie gezweifelt habe: «Wenn man in der Kunst nicht das macht, wozu man innerlich getrieben wird, wird man zum Ruin eben dieser Kunst.»

1983 gründete er die Flaming Lips. Tagsüber stand er im Schnellrestaurant Long John Silver's in der Küche, wusch ab und briet Fische: «Ich liebte die Arbeit, die Umgebung, die Leute. Ein Job, der einem keinerlei Gedankenarbeit abverlangt – den ganzen Tag arbeiten und trotzdem den Kopf frei haben für Gedankenflüge, welche Freude!»

Nebelhaft und psychedelisch

1989 stiessen Gitarrist Jonathan Donahue (er nur kurz, ehe er sich auf die andere Band Mercury Rev konzentrierte) und Produzent David Fridman (er hat das neueste Album wieder produziert) zur Band. Beide halfen mit, einen für die damalige Zeit ungewohnt nebelhaften, psychedelischen Sound zu kreieren. Da die geistesverwandte Band Mercury Rev eine ähnliche Furche beackerte, entstand der Eindruck, hier sei eine «Szene» am Werk, was die Plattenfirmen auf den Plan rief. The Flaming Lips kamen bei Warner Brothers unter und schafften 1991 mit dem Album «The Soft Bulletin» den Durchbruch. Dies, obwohl die Band mit ihren schillernden, an die reiferen Beach Boys gemahnenden Melodien kaum in den Zeitgeist von Grunge und Rave zu passen schien. In der Folge schaffte sie immer wieder den Spagat zwischen Avant-Garde (ein Album bestand aus vier CDs, die gleichzeitig abgespielt werden sollten) und Pop-Erfolg (die Band hat drei Grammys gewonnen und wurde für einen Brit-Award als beste internationale Band nominiert. Dadurch verfügten die Musiker über die Mittel, Shows und Videos immer verrückter zu gestalten. Ihre Feuerwerke sind gigantisch, die Ausflüge von Coyne ins Publikum legendär (er rollt in einer Plastikkugel verpackt über die Köpfe), Videos mit nackten Menschen verstören Moralhüter. «Wenn es keine Fesseln gibt für die Phantasie, dann ist es doch nur natürlich, dass früher oder später nackte Körper auftauchen», sagt Coyne und lacht.

Dinge, die nicht passen

Das neueste, dreizehnte Flaming-Lips-Album trägt den für die Band aussergewöhnlich brutalen Titel «The Terror». «Genau – brutal, das haben wir auch gesagt», schmunzelt Coyne. «Und dann sagten wir uns: gerade darum!»

Mit dem «Terror» sei die Ungewissheit gemeint, wie weit wir als Menschen die Kontrolle über unsere Handlungen und Gefühle hätten. Entsprechend dissonant sind denn oft die Geräusche, die den weiterhin sonnigen, süffigen Gesangsmelodien entgegenhalten: «Gewisse Akkorde und Klangkombinationen lösen bei den meisten Menschen ähnliche Gefühle aus», erklärt Coyne.

«Sie gefallen, man kennt sie und ist zufrieden. Wenn die Dinge aber irgendwie nicht genau zusammenpassen, hält man inne, versucht, sich die unvertrauten Gefühle zu erklären. Der Fussboden ist plötzlich nicht mehr der Fussboden. Um diese Wirkung geht es, glaube ich, bei <The Terror>.»

The Flaming Lips, «The Terror» (Bella Union/Irascible)

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