PFINGSTKONZERTE: Brandenburg–Ittingen, mit dem Zug

Die Geigerin Isabelle Faust versammelt ihre Musikerfreunde um sich, der Komponist Oscar Strasnoy fügt Bachs sechs «Brandenburgischen Konzerten» ein siebtes hinzu – und das Ittinger Publikum geniesst ein weitgespanntes Programm.

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Da sind sie noch ganz ungezwungen: Isabelle Fraust, Bernhard Forck und die Akademie für alte Musik bei der Hauptprobe zur Eröffnung der Ittinger Pfingstkonzerte. (Bild: Andrea Stalder)

Da sind sie noch ganz ungezwungen: Isabelle Fraust, Bernhard Forck und die Akademie für alte Musik bei der Hauptprobe zur Eröffnung der Ittinger Pfingstkonzerte. (Bild: Andrea Stalder)

Der Tag ist noch jung, die Luft kühl. Also nichts wie los, die Nachbarschaft der Kartause Ittingen zu erkunden. Ins Kunstmuseum können wir am Nachmittag, wenn es heiss wird, und uns dort im kühlen Keller von kreischenden Kunst-Raben erschrecken lassen oder weiter oben in der Ausstellung «Menschenbilder» der Frage stellen: Wer bin ich? Zur Morgenstund geht es durch den schönen Rosengarten zu den Fischteichen. Dann die Treppe hoch durch den Weinberg. Oben bietet sich ein eindrückliches Panorama: mit Obstfeldern, Apfelplantagen und der Thur. Mit dem Blick auf Frauenfeld und den Alpstein in der Ferne. Nach links biegt ein Wanderweg in den Wald ab. Die Vögel singen, ansonsten: Stille.

Überall wird geprobt in der Kartause Ittingen

So kann sich Isabelle Faust nicht die Zeit vertreiben. Früh sitzt sie beim Morgenessen, früh gesellen sich die Musikerfreunde zur Geigerin. Auch wenn man sie zwischendurch im Freizeitlook sieht: Man hört sie überall üben in der Klosteranlage. Als künstlerische Leiterin der diesjährigen Pfingstkonzerte verantwortet Isabelle Faust nicht nur das Programm, sondern wirkt in jedem der sieben Konzerte bis zum Montagmittag auch noch selber mit. Mit Stücken, die quer über die Jahrhunderte reichen – von Johann Sebastian Bach über Franz Schubert, Robert Schumann und Johannes Brahms bis Oscar Strasnoy, dem Composer in Residence. Der fügt Johann Sebastian Bachs – in Ittingen sämtlich aufgeführten – sechs «Brandenburgischen Konzerten» ein siebtes hinzu: das «Ittingen-Concerto».

Zu Isabelle Fausts Freunden zählen die Pianisten Alexander Melnikov und Kristian Bezuidenhout, der Cellist Jean-Guilhen Queyras, vor allem aber die Akademie für alte Musik aus Berlin, die sich an den beiden ersten Abenden glänzend gestimmt zeigt. Auf historischen Instrumenten verleihen ihre Musiker den «Brandenburgischen Konzerten» einen ganz eigenen, warmen und sehr homogenen Klang. Auch dort, wo – wie in Bachs Doppelkonzert d-Moll – mit Isabelle Faust und Bernhard Forck zwei Solisten hervortreten, fügen sich ihre Stimmen natürlich ein.

In emotionale Tiefen geht es im Eröffnungskonzert in Bachs tröstend dem Jenseits zugewandter Kantate «Ich habe genug». Begleitet von Streichern und Traversflöte, gelingt dem Tenor Werner Güra die ganz schlichte und eindringliche Interpretation eines Werks, in das viel von Bachs Leben eingeflossen ist.

Auch Oscar Strasnoy ist an diesem ersten Abend schon mit von der Partie, mit der Uraufführung des kurzen «2. Juni» für Violine, Horn – und Plattenspieler. «Ich mag das, zwischendurch ein Experiment», sagt hinter mir eine Dame, und sie steht keineswegs allein. Denn im zweiten Konzert vom Samstagmittag findet nicht nur die von Queyras mit grossem Sinn für feine Nuancen dargebotene erste Suite für Violoncello solo von Bach lebhaften Beifall, sondern auch das Air für Horn solo von Jörg Widmann und György Ligetis ganz unterschiedliche Stimmungen auslotendes Trio für Violine, Horn und Klavier. Ein verdienter Sonderapplaus geht an den Hornisten Teunis van der Zwart.

Am zweiten Tag schlägt Strasnoys Stunde

Am Abend dann schlägt Oscar Strasnoys Stunde. Charmant gibt er Auskunft über sein «Ittingen-Concerto», das sich in Struktur und Besetzung auf das zweite Brandenburgische Konzert bezieht. «Brandenburg–Ittingen, mit dem Zug» ist der erste Satz überschrieben, auch eine Hommage an das Motto der Pfingstkonzerte, «Brandenburg–Ittingen». Witz, Tempo und rhythmische Kraft zeichnen das Werk aus, man hört da tatsächlich einen Zug rasen. Und beschwingt vom Erfolg beim Publikum geht dann im zweiten Teil des Abends beim wirklichen zweiten Brandenburgischen Konzert nochmals die Post ab.

Ja, die Akademie für alte Musik kann auch neue Musik. Sehr gut sogar.

Rolf App