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Interview

«Im Kopf sind es bloss befruchtete Eizellen»: Peter Stamm im Interview über ungeborene Romanfiguren

Der Schweizer Schriftsteller hat befreundete Autorinnen und Autoren gebeten, ihre ungeborenen Romanfiguren ans Licht zu bringen.
Tina Uhlmann

Wie viele ungeborene Romanfiguren tummeln sich in Ihrem Kopf?

Peter Stamm: Die tummeln sich eher auf der Festplatte meines Computers. Im Kopf sind es noch keine Figuren, nur Möglichkeiten, befruchtete Eizellen sozusagen, um bei der Metapher der Ungeborenen zu bleiben. Die Figuren entwickeln sich erst beim Schreiben. Und ja, es gibt viele Ungeborene auf meiner Festplatte, obwohl ich ein Freund des Wegwerfens bin. Kann man Figuren wegwerfen? Manche sind ja nur ein Versuch, man macht ein paar Sätze und merkt, das wird nichts. Bei anderen entsteht aber ein Text, der weiterführt – oder eben nicht. Und an manchen Figuren schraubt man immer wieder herum, ohne dass sie richtig real werden, das sind dann die Frankensteinmonster.

Im Hanser-Heft «Aspekte» über ungeborene Figuren der Literatur stellen Sie uns Leni Thill vor, «eine seltsame und leider viel zu früh verstorbene Heilige». Wie ist Leni Thill entstanden?

Ich wollte immer einmal etwas über Heilige schreiben, als nichtreligiöser Mensch fasziniert mich das. Als ich 2011 in Luxemburg war, recherchierte ich über Kinder, die in den 1940er-Jahren Visionen hatten – es war interessant nachzulesen, wie damals die Arbeiterzeitungen und die katholischen Medien darüber berichtet hatten. Und wie die katholische Kirche auch später noch versuchte, aus etwas Irrationalem etwas Rationales zu machen. Ich studierte an der Figur eines Mädchens herum, das nach seinem frühen Tod heiliggesprochen wurde, weil es trotz Schwangerschaftsvergiftung die Abtreibung verweigert hatte. Ich sass in einem Park und hörte, wie eine Mutter ihr Kind rief: «Leni!» Da wusste ich: So heisst meine Figur.

Warum haben Sie Lenis Geschichte nicht vollendet?

Möglicherweise, weil das Mädchen schon tot war. Vielleicht war das Thema journalistisch interessanter als literarisch. Man weiss nicht immer, warum eine Geschichte nicht weiterführt. Manchmal merkt man einfach, dass man keine Lust hat, sich weiter mit einer Figur zu beschäftigen. Oder man verliebt sich in eine neue.

Wie im richtigen Leben?

Ja, die Beziehungen zu literarischen Figuren sind ähnlich wie die zu realen Personen. Ich habe einmal über einen Banker in London geschrieben, der nicht wusste, was er mit seinem Leben anfangen sollte. Es dauerte eine Weile, bis ich merkte, dass auch ich es nicht wusste – da ging es mir wie Hansjörg Schertenleib mit seinem einsamen Alfred in der gleichnamigen Geschichte. Schertenleib hat Alfred ja umbenannt und in eine andere Geschichte mitgenommen, aber mein Typ war einfach ein Langweiler, deshalb interessierte er mich nicht mehr.

Warum musste er ein Langweiler sein?

Ich erlebte damals in London die unmittelbaren Folgen von 9/11, da war eine eigentümliche Stimmung in der Stadt, die ich beschreiben wollte. Die Figur diente nur als Katalysator, deshalb wohl hat sie nicht funktioniert.

Im Vorwort zum Heft «Die Ungeborenen» schreiben Sie, es sei einfach, Figuren zu erschaffen. Geben Sie eine kurze Anleitung?

Es beginnt wie im Leben mit einer einzigen Zelle: Wir kreieren jetzt eine Figur, die heisst Ruedi, da ist er. Aber er ist noch niemand. Ob er einen Schnauz hat, wo er wohnt – das alles kommt erst beim Schreiben.

Arbeiten Sie mit Backstorys, entwerfen Sie Hintergrund und Psychogramm einer neuen Figur, bevor sie weiterschreiben?

Nein. Das ist amerikanische Schule. Ich halte das für Quatsch, weil man Menschen ja auch im Leben nicht so kennen lernt.

Aber den Namen müssen Sie kennen. Wie bei Leni oder Ruedi.

Ja, das ist ganz wichtig für die Entwicklung der Figur. In meinen frühen Texten habe ich zum Teil nur mit Initialen gearbeitet, aber bald gemerkt, dass das nicht geht. Der Name gehört zum Menschen, er hat etwas Programmatisches. Meinen eigenen Namen, Peter, habe ich in der Weihnachtsgeschichte, die diesen Herbst erscheint, erstmals verwendet. Eine spezielle Erfahrung! Mein Name ist mir fremder als jeder andere Name. Ich benutze ihn ja selten.

Sie bezeichnen den Autor als Schöpfergott, der sich in oder hinter seiner Schöpfung versteckt. Weshalb versteckt er sich?

Manchmal lässt man eine Figur sich mit etwas beschäftigen, das einen selbst umtreibt. Es gibt einen «ungeborenen» Text von mir, den ich zehn Jahre lang immer wieder hervorgenommen habe, weil er mir keine Ruhe liess. Darin geht es um jemanden, der an angeborener Schmerzunempfindlichkeit leidet. Der Schmerz als Metapher hat sicher viel mit mir zu tun, inzwischen liegt der Text aber im Ordner «aufgegebene Projekte».

Haben Sie schon versucht, schwer greifbare Figuren zu visualisieren? So, wie Zsuzsanna Gahse «Pacos Schwester im Halbprofil und Leon mit gesenktem Kopf», Figuren ihrer Geschichte, gezeichnet hat?

Nein. Als ich vor langer Zeit fürs Schweizer Fernsehen eine Sitcom entwickelte, bekam ich Fotos von Schauspielern, aber das hat mich eher behindert, als geholfen . Ich könnte von den meisten meiner Figuren nicht mal sagen, welche Haarfarbe sie haben. Trotzdem habe ich ein genaues Bild von ihnen oder besser ein genaues Gefühl für sie. Aber ich könnte sie nicht zeichnen.

Alissa Walser beschreibt, wie Pedro Almodóvar ihr im Film «Sprich mit ihr» das Motiv eines Mädchens im Koma vorweggenommen hat. Sind Ihnen Figuren auch schon so abhandengekommen?

Nein, und ich verstehe auch nicht, dass Alissa Walser aufgehört hat, an dem tollen Text zu schreiben. An ihrer Stelle hätte es mich nicht gestört, dass jemand anderes eine ähnliche Geschichte erzählt. Mir ist nur einmal ein Titel abhandengekommen: «Das Leben der anderen». Als der Film ins Kino kam, hatte ich den Titel für mich zwar schon verworfen, trotzdem ärgerte es mich.

Kommen in Ihren Texten auch reale Personen aus Ihrem Umfeld vor?

Als Hauptfiguren nicht, das ist auch juristisch heikel. Höchstens als Nebenfiguren. Ich verwende aber Eigenschaften, die mir auffallen. Zum Beispiel kannte ich jemanden, der immer an allem zuerst einmal roch. Mit diesem Tick habe ich eine meiner Figuren ausgestattet.

Wie reagieren Sie, wenn Figuren nicht das tun, was Sie wollen?

Das ist das Beste, was passieren kann! Figuren müssen sich verselbstständigen, sonst sind sie nicht überlebensfähig. Es ist wie mit den eigenen Kindern: Sie müssen einen Charakter entwickeln, einen eigenen Willen, auch wenn das uns Eltern manchmal nervt. Und wenn sie nicht flügge werden? Wie wird man sie wieder los? Man kann sie nicht einfach loswerden. Es ist eher wie mit Erinnerungen, die verblassen, die einen mehr, die anderen weniger. Und manche bleiben.

Der 56-jährige Peter Stamm ist Schweizer Buchpreisträger und zählt seit 20 Jahren zu den erfolgreichsten Schweizer Autoren.
Peter Stamm (Hrsg.): «Die Ungeborenen». Hanser Aspekte. 82 Seiten.

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